Sozialdemokratin des Monats Mai 2025

Veröffentlicht am 29.04.2025 in Geschichte

Susanne Miller, geborene Strasser, zuletzt Eichler-Miller;
14. Mai 1915 in Sofia, Bulgarien - 1. Juli 2008 in Bonn

Der Band 2 „Die SPD vor und nach Godesberg“ ihrer gemeinsam mit Heinrich Potthoff herausgegebenen „Kleine Geschichte der SPD“ prägte für viele Jahre die politische Linie der SPD als einer sozialreformerischen nicht-marxistischen, aber dennoch sozialistischen Partei.

Susanne Miller wurde als älteste Tochter des jüdischen Bankkaufmanns Ernst Strasser und seiner Ehefrau Margarete geboren. Nach dem Tod der Mutter verbrachte der Vater beruflich mehrere Jahre in Wien bevor er 1919 wieder nach Sofia zurückkehrte, wo Susanne mit 17 Jahren das Realgymnasium abschloss. Unter ihren Lehrern gab es einige Anhänger der Internationalen Sozialistischen Korrespondenz (ISK). Die ISK-Mitglieder begründeten ihren Einsatz für den Sozialismus nicht mit marxistischen Theorien, sondern mit Kant, also mit ethischen Motiven.

Während eines Aufenthalts in Berlin Ende 1932 lernte Susanne Strasser bei den dortigen ISK-Mitgliedern ihren späteren Ehemann Willi Eichler kennen. Nach ihrer Rückkehr nahm sie in Wien nicht sofort ein Studium auf, sondern absolvierte ein mehrwöchiges Sozialpraktikum. Während dieser Zeit lernte sie die Lebensverhältnisse in den Wiener Arbeitervierteln kennen.

Prägender war 1934 der Februaraufstand in Wien. Die gewaltsame Auseinandersetzung zwischen dem austrofaschistischen Staatsapparat unter Engelbert Dollfuß und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei dauerte in Wien drei Tage und endete mit der Niederlage der Sozialdemokraten. Susanne Strasser beteiligte sich nach dem Ende der gewaltsamen Konflikte an der Verteilung von Spenden aus Großbritannien und aus den Vereinigten Staaten an solche Familien aus dem Wiener Arbeitermilieu, die in Not gerieten, weil durch Tote, Verletzte oder Verhaftungen das jeweilige Familieneinkommen gesunken war.

In den 30er Jahren hielt sie sich mehrfach in London auf. Nach dem „Anschluss“ Österreichs und der verstärkten Judenverfolgung 1938 kehrte sie nicht wieder nach Deutschland zurück sondern lebte und arbeitete dort mit Willi Eichler.

Wie viele andere Exilanten kehrten Willi Eichler und Susanne Miller nach Kriegsende nach Deutschland zurück, um am politischen Wiederaufbau mitzuwirken. Auf Initiative von Kölner Sozialdemokraten wurde Eichler Anfang 1946 zum Chefredakteur der in dieser Stadt erscheinenden Rheinischen Zeitung berufen. Susanne Miller trat im gleichen Jahr in die SPD ein. Die ISK hatte sich bereits Ende 1945 aufgelöst.

1954 wurde Eichler in die Kommission zur Vorbereitung eines neuen Grundsatzprogramms, des späteren Godesberger Programms berufen. Susanne Miller (Sie hatte in London pro forma einen Briten geheiratet, um die britische Staatsbürgerschaft zu erhalten; die Ehe wurde 1946 wieder geschieden) wurde die Sekretärin der Kommission. Das Godesberger Programm ist geprägt vom Geist der ISK.

Die ISK hatte schon Ende der Weimarer Republik sowie im Exil für ein Zusammengehen der Parteien der Arbeiterbewegung geworben. So war es naheliegend, dass sich Susi Miller auch mit Fragen der deutsch-deutschen-Zusammenarbeit befasste. Sie war Mitglied der SPD-Grundwertekommission, als dieses Gremium sich mit Angehörigen der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED traf, um von 1984 bis 1987 das so genannte SPD-SED-Papier zu verfassen. Dieses Dokument thematisierte ideologische Differenzen der beiden politischen Systeme in West- und Ostdeutschland, die in den deutsch-deutschen Beziehungen zuvor stets ausgeklammert worden waren. Susanne Miller war zwar offen für diese Form des Dialogs mit den Einheitssozialisten, sie war aber nicht bereit, die Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen zu tolerieren, für die sie die Kommunisten direkt verantwortlich machte. Sie verstand sich in diesem Sinn ausdrücklich als Antikommunistin.

1982 machte Peter Glotz, der damalige Bundesgeschäftsführer der SPD, Susanne Miller zur Vorsitzenden der Historischen Kommission beim SPD-Parteivorstand. Unter der Leitung von Miller organisierte dieses Gremium eine Reihe von Veranstaltungen zu Themen der jüngeren deutschen Geschichte und publizierte eine Reihe entsprechender Broschüren. Die wichtigste Veranstaltung, die sie als Vorsitzende organisieren konnte, war im März 1987 ein öffentliches Treffen im Foyer des Erich-Ollenhauer-Hauses mit Historikern der DDR. Diese Veranstaltung sollte dem Austausch über das „Erbe deutscher Geschichte“ dienen. Die Medien der Bundesrepublik berichteten intensiv über diese Konferenz, weil dieser Gedankenaustausch aufgrund der ideologischen Gegensätze von West- und Ost-Historikern als sehr ungewöhnlich empfunden wurde. Die direkte Auseinandersetzung mit DDR-Historikern kannte Susanne Miller bereits, denn sie war seit 1964 Teilnehmerin auf der jährlich tagenden Internationalen Konferenz der Historiker der Arbeiterbewegung in Linz (Österreich).

Susanne Miller wurde 1996 Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten. Davor war sie bereits Vorstandsmitglied dieses Opferverbands. In ihrer Amtszeit sorgte sie im Juni 1998 mit dafür, dass neben den Verfolgten des NS-Regimes auch Sozialdemokraten Mitglied werden konnten, die in der DDR unter politischer Verfolgung gelitten hatten.

Zum öffentlichen Engagement Millers gehörten ihre Mitarbeit und Mitgliedschaft in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ebenso wie ihre vielfältigen Wortmeldungen in der publizistischen und politischen Öffentlichkeit. So hat sie zum Beispiel anlässlich der Erstveröffentlichung eines biografischen Textes von Sebastian Haffner energisch gegen dessen Verurteilung führender sozialdemokratischer Politiker interveniert, denen Haffner den Verrat an der Novemberrevolution vorgeworfen hatte. Sie hat überdies von der deutschen Regierung und der deutschen Wirtschaft Wiedergutmachungsleistungen für ehemalige Zwangsarbeiter gefordert und dabei die mangelnde Berücksichtigung der Expertise von Opferverbänden beklagt.

Susi Miller starb, nahezu erblindet, im Alter von 93 Jahren.