Kurt Schumacher und Annemarie Renger Kurt Schumacher (13. Oktober 1895 – 20. August 1952)
und
Annemarie Renger (7. Oktober 1919 – 3. März 2008)
Dass die SPD nach dem 2. Weltkrieg so wurde wie sie - bis heute noch - ist, ist ohne Kurt Schumacher nicht denkbar. Und Kurt Schumachers Einfluss und Prägekraft war nur möglich mit Annemarie Renger an seiner Seite. Als Kurt Schumacher am 20. August 1952 starb und in einem Autokorso von Bonn zur Beerdigung nach Hannover-Ricklingen gefahren wurde, erwiesen ihm Hunderttausende auf dem Weg die Ehre. „Das deutsche Volk (hatte) ihn verstanden und (wußte) ihm zu danken“ (Wilhelm Hennis). Annemarie Renger hütete 56 Jahre lang sein Vermächtnis.
Doch der Reihe nach.
Kurt Schumacher wurde am 13. Oktober 1895 in Culm/Westpreußen (heute: Chelmno/ Polen) als viertes Kind einer Kaufmannsfamilie geboren. Er besuchte das Gymnasium, legte 1914, kurz nach Kriegsbeginn, das Notabitur ab und meldete sich als Kriegsfreiwilliger. Bereits im Dezember 1914 wurde er im Kampf gegen die russische Armee bei Łodz schwer verletzt, so dass sein rechter Arm amputiert werden musste.
Er studierte von 1915 bis 1919 Rechts- und Staatswissenschaften in Halle, Leipzig und Berlin. 1918 trat er in die SPD und den ihr nahestehenden „Reichsbund der Kriegsbeschädigten“ ein. Er wurde Mitglied des Berliner Arbeiter- und Soldatenrates.
Der Arbeiter- und Soldatenrat sprach sich auf seiner Reichskonferenz vom 16.-21. Dezember 1918 für die Einberufung einer aus freien und gleichen – das Frauenwahlrecht einschließenden – Wahlen hervorgegangenen verfassungsgebenden Nationalversammlung aus.
Für die Arbeiterbewegung bedeutete das ein grundsätzlichen Wandel in der Einstellung zum Staat, der Sozialdemokraten – gemäß der vorherrschenden Denkweise - als die Verkörperung der Herrschaft des Kapitals und seiner ihn tragenden Gesellschaftsschichten galt. Die nach de Novemberrevolution mögliche Übernahme der Staatsgewalt durch alle Bürgerinnen und Bürger hschien es denkbar, „den Staat zum Verbündeten zu bekommen und mit dem eigenen Geiste zu erfüllen“, so in seiner Dissertation 1920 „Der Kampf um den Staatsgedanken in der deutschen Sozialdemokratie“.
MSPD und USPD forderte deshalb im Unterschied zur KPD mit der Parole „Heran an den Staat!“ ihre Mitglieder zur Teilnahme Reichstagswahl 1920 auf. Die Sozialdemokraten wurden DIE Partei der „Weimarer Reichsverfassung“. Folgerichtig gehörte Kurt Schumacher 1924 denn auch zu den Gründern des „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, in dem Mitglieder der SPD, des Zentrum und der DDP sowie eine Vielzahl Parteiloser für den Schutz der Reichverfassung und ihrer Organe zusammenarbeiteten. Er wurde, damals Redakteur in Stuttgart, dessen Ortsvereins-Vorsitzender. Der Kampf für eine demokratische, republikanische Verfassung wurde zu seinem politischen Markenzeichen sowohl im Kampf gegen den aufkommenden Nationalsozialismus und seine nach 1945 nachwirkenden Reste als auch gegen den Kommunismus in seiner bolschewistischen, stalinistischen Ausprägung. Er lehnte, auch während seiner Jahre im KZ jegliches Bündnis mit den Kommunisten ab.
Seit 1930 Mitglied des Deutschen Reichstags und seit 1932 Mitglied des Fraktionsvorstandes zog er sich mit seinen Attacken auf die NSDAP und insbesondere auf Josepf Göbbels den andauernden Hass der „Hitleristen“ zu. Kaum hatten sie die Macht überreicht bekommen und die SPD am 22. Juni 1933 verboten, wurde er am 6. Juli 1933 verhaftet und über zehn Jahre in den Konzentrationslagern Heuberg, Kuhberg, Dachau und Flossenbürg inhaftiert.
Durch Folterungen geschwächt und infolge der Dunkelhaft im Sehvermögen geschwächt wurde am 16. März 1943 entlassen. Er fand in Hannover Aufnahme bei seiner Schwester Lotte. Doch im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 wurde er erneut verhaftet. Da ihm keine Beteiligung am Attentat nachgewiesen werden konnte, wurde er nach kurzer Zeit wieder entlassen.
Nach der Befreiung Hannovers im April 1945 setzte er sofort alle Energie ein, um ehemalige Sozialdemokraten zu sammeln und mit ihnen die SPD wiederzubeleben. Das erste Parteibüro lief unter der Bezeichnung „Büro Dr. Schumacher“ noch bevor die Partei in der britischen Besatzungszone im August 1945 wieder zugelassenen wurde. Seine Anstrengungen richteten sich sowohl auf die Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten in den anderen westlichen Besatzungszonen als auch in der Abwehr der von den Berlinern um Otto Grotewohl betriebenen Vereinigung mit der KPD Walter Ulbrichts. Auf einer Versammlung von rd. 150 SPD-Funktionären vom 5. - 7. Oktober 1945 in Wennigsen (bei Hannover) wurde er zum „politischen Beauftragten“ für Bildung der SPD in den westlichen Besatzungszonen gewählt. Ein halbes Jahr, am 10. Mai 1946 später kamen Delegierte der nun in allen drei westlichen Zonen zugelassenen Partei zum ersten Nachkriegsparteitag in Hannover. Mit 244 von 245 Stimmen wurde Kurt Schumacher zum Parteivorsitzenden gewählt. Er blieb es bis zu seinem Tod im August 1952.
Die politische Arbeit war geprägt von seiner Opposition einerseits gegenüber den Kommunisten im Westen und der SED; zum anderen auch gegenüber der CDU und ihren Verbündeten im rechtsnationalen Lager (Deutsche Partei/DP, Bund Heimatvertriebener und Entrechteter/BHE). Längst hatten sich sich ehemalige NSDAP-Mitglieder wieder an die Spitze in Politik und Verwaltung gebracht bzw. waren von den Besatzungsmächten gefördert dorthin gelangt. Schumacher hielt denn auch Distanz zu den Alliierten, strebte er doch danach, die deutsche Einheit zu erhalten, möglichst in den Grenzen von 1937. Der stark westlich orientierte Kurs Adenauers stieß denn auch auf seinen Widerstand, sah er dadurch doch die deutsche Einheit gefährdet. So wurde er sowohl Nationalist tituliert. Gleichzeitig aber galt er auch wegen seiner Westdistanz als Höriger Moskaus. Die CDU erfand das berühmt-berüchtigte Werbeplakat für die Bundestagswahl 1953: „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau“, das in den 60er Jahren auch der NPD gegen die Brandtsche Ostpolitik attraktiv fand.
Zentral für Schumachers politische Vorstellungen war der Begriff des Volkes in seinen beiden Bedeutungsebenen: sowohl als Begriff für den dritten Stand, die ausgebeuteten und unterdrückten Massen, als auch im Sinne eines Staatsvolkes. Kurt Schumacher wollte ein demokratisches und sozialistisches, ungeteiltes Deutschland. Deutschland sollte möglichst schnell seinen Platz unter den freien Völkern Europas einnehmen. Für ihn war die SPD die einzige Partei, die weder durch den Nationalsozialismus noch durch den Bolschewismus belastet war. Die Sozialdemokraten seien deshalb als einzige in der Lage, ein freies Deutschland in ein freies Europa zu führen.
Kurt Schumacher ist wegen seines autoritären Führungsstils - im Nachhinein - kritisiert worden. Dass man ihn nur ausnahmsweise kritisierte, hing sicherlich auch mit seinen schweren körperlichen Beeinträchtigungen zusammen, die 1948 infolge einer Thrombose zur Amputation seines linken Beins führte.
Sein immenses Arbeitspensum wäre unter diesen Umständen nicht zu bewältigen gewesen, ohne die aufopferungsvolle Stützung durch
Annemarie Renger
Die 1919 geborene Annemarie Wildung stammte aus einer alten sozialdemokratischen Familie. Schon ihr Großvater war aktiver Sozialdemokrat, der Vater Partei- und Sportfunktionär war und selbst die Mutter gehörte schon seit 1908, dem Jahr in dem es auch für Frauen erlaubt wurde, einer Partei anzugehören. Diese Parteibindung führte 1934 dazu, dass ihr das Stipendium für den Besuch das Staatliche Augustagymnasium in Charlottenburg (der Besuch eines Gymnasiums kostete im Deutschen Reich und in der BRD bis in die 1960er Jahre Schulgebühren) entzogen wurde. Sie machte eine Ausbildung zur Verlagskauffrau, heiratete 1938 den Verlagskaufmann Emil Renger, der bereit 1944 in Frankreich im Krieg umkam. Ihr Sohn Rolf wurde 1938 geboren.
1945 wurde sie zum frühestmöglichen Zeitpunkt SPD-Mitglied, lernte Schumacher im August 1945 kennen und wurde zum 1. Oktober 1945 seine Sekretärin. „Ich war fest entschlossen, mich politisch zu engagieren und am Aufbau eines demokratischen Deutschlands mitzuwirken. Ich wollte mithelfen, dass die Welt keinen Krieg mehr erleben muss.“ Ab 1946 leitete sie das Büro des SPD-Parteivorstands zunächst in Hannover und danach in Bonn.
Nach dem Tod Kurt Schumachers verstand sie sich als Hüterin seines Vermächtnisses. Dies galt sowohl hinsichtlich ihrer Haltung gegenüber Wiedererstehenden rechten Gruppierungen als auch, und für die SPD bedeutsamer, hinsichtlich allem was „Links“ und damit „kommunistisch“ schien. 1962 wurde sie Mitglied des SPD-Bundesvorstands (bis 1973). Sie gehörte neben Egon Franke zu den bestimmenden Kräften der „Kanalarbeiterriege“ der SPD, was u.a. in einer zunächst großen Skepsis gegenüber der Ostpolitik von Willy Brandt und Egon Bahr zum Ausdruck kam.
Nach dem großen Wahlsieg der SPD 1972 wurde Annemarie Renger als erste Frau in einer westlichen Demokratie an die Spitze eines Parlaments gewählt (bis 1976). „Ich habe mich in der Fraktion selbst für das Amt des Bundestagspräsidenten vorgeschlagen. Glauben Sie, man hätte mich sonst genommen?“ Von 1976 bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag 1990 war sie Vizepräsidentin. Sie ist damit bis heute das am längsten amtierende Mitglied des Bundestags--Präsidiums.
Ihre politische Heimat bildete in diesen Jahren der von ihr 1974 gegründete „Seeheimer Kreis“ in der Tradition des nationalen Flügels der SPD, der sich auf Kurt Schumacher beruft. Als Vorsitzende der von ihr 1982 ins Leben gerufene Kurt-Schumacher-Gesellschaft hütete sie auch außerhalb des Parlaments das politische Gedankengut ihres einstigen Förderers.
Annemarie Renger starb am 3. März 2008.
In Berlin, München, Leipzig, Mainz, Gifhorn, Sinsheim, Waghäusel, Bornheim, Oberhausen, Hameln und Erlensee sind Straßen bzw. Wege nach ihr benannt.