Karl Kautsky, 16. Oktober 1854 - 17.Oktober 1938
Er zeigte der SPD, wie ihre Programme aussehen sollten: Erst die Vision, warum die Zukunft anders gewollt wird. Und dann der praktische Weg von hier nach da, von heute und was in der nächsten Zeit zu tun ist.
Auf keinen Fall Forderungen, an denen nicht erkennbar ist, dass und wie sie zum Ziel führen sollen, warum und wozu soll man kämpfen. Von Kautsky – ebenso wie von August Bebel und der wachsenden Zahl der Anhängerinnen und Anhänger des demokratischen Sozialismus – verlangte niemand, dass, wie es Helmut Schmidt hundert Jahre später meinte, er mal wegen seiner Vision zum Psychiater gehen sollte.
Das „Erfurter Programm“ von 1890 spiegelt diesen Zusammenhang von Vision und Reform beispielhaft wieder. Es lohnt sich deshalb, es heute noch einmal zu lesen. Ebenso wie das „Heidelberger Programm“ von 1925, in dem die Distanz zur Russischen Bolschewistischen Partei KPDSU (B) und ihrem Deutschen Ableger, der KPD, unmissverständlich deutlich wird. Die SPD will den Menschen die Hoffnung geben, dass es auf demokratischem, gewaltfreien Weg eine machbare Zukunft geben kann, in der es sozial gerechter zugeht als in der Gegenwart. Wenn das nicht erreichbar wäre, wozu dann alle Anstrengungen?
Kautsky wurde 1858 als Sohn einer österreichischen Mutter und eines tschechischen Vaters in Prag geboren. Seine Mutter Minna Kautsky, geborene Jaich, war Schauspielerin und Schriftstellerin. Sein Vater Jan Kautsky arbeitete als Theatermaler. Karl Kautsky studierte an der Universität Wien und schloss sich hier 1875 den Sozialdemokraten an. Hier begann er auch mit der Publikation von Schriften für die Partei. Sein Buch "Der Einfluß der Volksvermehrung auf den Fortschritt der Gesellschaft" (1880) veranlasste Karl Höchberg, ihn nach Zürich zu holen, wo er Mitarbeiter wissenschaftlicher Zeitschriften wurde und Kontakte mit Karl Marx und Friedrich Engels anbahnte. Nach dem Inkrafttreten der Sozialistengesetze 1878 war in Deutschland kein Arbeiten mehr für ihn möglich. 1885 ging er nach London (Privatsekretär von Friedrich Engels).
Nach dem Auslaufen der Sozialistengesetze kehrte er 1890 nach Deutschland zurück und lebte von 1890 bis 1897 in Stuttgart. Von 1883 bis 1917 gab er die bereits in London gegründete erste wissenschaftliche sozialdemokratische Zeitschrift "Die neue Zeit" heraus. Kautsky galt nach Engels Tod als anerkannter Hüter des marxistischen Erbes. Die Lehre des Marxismus wurde nicht in den Originalschriften von Marx und Engels, sondern in der Interpretation von Kautsky weltweit verbreitet, wobei er ihn zu einer Weltanschauung umformte, die sich von revolutionärer Aktion löste. Das „Erfurter Programm“ entstand auf Grund der engen Zusammenarbeit von Kautsky und Eduar Bernstein.Er der Folgezeit bekämpfte sowohl die Linken (Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg die den Massenstreik als Kampfmittel propagierten) wie auch die "Revisionisten" wie Bernstein, mit dem er sich aber in der Ablehnung der auch nur partiellen unterstützung der preußischen Kriegspolitik nach 194 wieder einig wusste.
Während Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg den 1. Weltkrieg als Voraussetzung für die den Zusammenbruch des Kapitalismus und die folgende Revolution herbeisehnten, gehörte Kautsky wie Bernstein zu den Gegnern der Kriegskredite für die deutsche Reichswehr. Er trat aus der SPD-Reichstagsfraktion aus und schloss sich 1917 der USPD um Hugo Haase an.
Nachdem die USPD nach 1918 deutlich der Sowjetunion zuneigte, trat er 1919 aus und begründete dies in der Schrift Die Diktatur des Proletariats. 1922 kehrte er zur SPD zurück, ohne jedoch die herausragende Stellung als marxistische Theoretiker wiederzuerlangen.
Ab 1924 lebte in Wien. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich emigrierten er und seine Frau Luise im März 1938 nach Amsterdam, wo er bereits am 17. Oktober im Alter von 80 Jahren starb.