Sozialdemokrat des Monats September

Veröffentlicht am 31.08.2025 in Geschichte

Wolfgang Abendroth

2. Mai 1906 in Elberfeld - 15. September 1985 in Frankfurt am Main)

Wolfgang Walter Arnulf Abendroth, von Jürgen Habermas als „Partisanenprofessor im Land der Mitläufer“ gelobt, war als Sohn überzeugter Sozialdemokraten schon früh in der proletarischen Jugendbewegung aktiv. Im November 1920 trat er aber nicht den eher sozialdemokratischen „Roten Falken“ bei, sondern wurde Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes (KJVD) und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Da er die Angriffe der KPD auf die SPD („Sozialfaschismustheorie“) nicht teilte, wurde er 1928 aus der KPD ausgeschlossen und trat der für die Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten gegen den aufkommenden Nationalsozialismus votierenden „Kommunistischen Partei Opposition (KPO)“ bei.

Das Jura-Studium in Tübingen, Münster und Frankfurt schloss er 1930 mit dem ersten Examen ab. Zunächst arbeitete er als Gerichtsreferendar. 1933 wurde er entlassen, und war für eine Reihe von Widerstandsorganisationen tätig (u.a. Neu Beginnen, Rote Hilfe). Es gelang ihm, 1935 seine Promotion an der Universität Bern abzuschließen. Im Oktober 1936 erhielt er in einem Berliner Bankgeschäft eine Volontärstelle. Im Februar 1937 aber wurde er von der Gestapo verhaftet und am 30. November 1937 vom Oberlandesgericht Kassel wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, die er in der 1747 gegründeten Strafranstalt Luckau verbüßte.

Nach der Entlassung konnte er eineinhalb Jahre in Berlin bei seinen Eltern leben, bevor er 1943 als „Bewährungssoldat“ zur Strafdivision 999 eingezogen und in Griechenland eingesetzt wurde. Dort gelang es ihm, zur griechischen Widerstandsorganisation ELAS Kontakt aufzunehmen und mit ihrer Hilfe 1944 zu desertieren. Er ging jedoch nicht zur Roten Armee nach Bulgarien, sondern in britische Kriegsgefangenschaft nach Ägypten. Im Gefangenenlager Fanara begann er, Gefangene für eine zukünftige Verwaltungsarbeit im von den Nazis befreiten Deutschland zu schulen. Diese Tätigkeit setzte er 1945 in Wilton Park, England fort. Dort traf er Richard Löwenthal. Ein Ergebnis gemeinsamer Diskussionen war Löwenthals unter dem Pseudonym Paul Sering veröffentlichte Programmschrift Jenseits des Kapitalismus, die 1946 in Nürnberg erschien. Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft im Herbst 1946 ging Abendroth 1947 nach Berlin und trat dort in die - nicht zwangsvereinigte - Berliner SPD ein.

Nach Lehrtätigkeiten an den Universitäten Halle und Leipzig wurde er im Oktober 1948 auf den Lehrstuhl für Öffentliches Recht an der Universität Jena berufen. Doch bereits im Dezember 1948 wurde er gewarnt, dass die dortigen Machthaber ihn wegen seiner Ablehnung des Stalinismus festnehmen wollten. Er flüchtete zu seinen Schwiegereltern nach Bremen. Im Dezember 1948 wurde Abendroth zum ordentlichen Professor für öffentliches Recht und Politik an der Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft in Wilhelmshaven ernannt und lehrte dort ab 1949. Im darauffolgenden Jahr wurde er zum ordentlichen Mitglied des Staatsgerichtshofs des Landes Bremen gewählt. Am 15. November 1950 erhielt er, auf Betreiben von Georg August Zinn (seit 1945 Justizminister, seit 1950 Ministerpräsident des Landes Hessen), eine Professur für Wissenschaftliche Politik an der Philosophischen Fakultät der Philipps-Universität in Marburg. Obwohl als Jurist ausgewiesen verweigerte die Juristische Fakultät der Universität Marburg Studierenden, die seine juristischen Lehrveranstaltungen besucht hatten, die formale Anerkennung.

Zu dieser Zeit lehrten dort als wohlgeachtete Kollegen u.a.Rudolf Reinhard, NSDAP-Mitglied seit 1933 und Rektor der Marburger Universität 1942-45 und Erich Schwinge (Kommentator des NS-Militärstrafrechts, 1936-39 und erneut seit 1948 Professor in Marburg, 1954/55 Rektor der Universität). Da Abendroth seine marxistische Gesinnung nicht verbarg, blieben ihm universitäre Wahlämter wie Dekan oder Rektor erspart. Er war jedoch von 1959 bis 1963 Mitglied des Hessischen Verfassungsgerichtshofes.

Abendroth gehörte dem linken Flügel der SPD an. Er schrieb, angestoßen durch den Hamburger SPD-MdB Peter Blachstein, 1958 einen marxistisch geprägten Gegenentwurf zum Entwurf des Godesberger Programms. Seine Unterstützung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in der Auseinandersetzung mit der Parteiführung führte 1961 zu seinem Ausschluss aus der SPD, was die weitere enge Beziehung zu zahlreichen Parteimitglieder wie Gustav Heinemann und dem Marburger Abgeordneten und Bundesjustizminister (1969 -1974) Gerhard Jahn nicht behinderte.

Abendroth war ein nachhaltiger Unterstützer der – gewaltfreien – 68er Studentenbewegung, ein wortmächtiger Gegner der Notstandsgesetze und ein Befürworter der Wiederzulassung der KPD.

Er starb vor 40 Jahren am 15. September 1985