Sozialdemokrat des Monats Januar

Veröffentlicht am 27.12.2024 in Geschichte

Herbert Wehner 11.07.1906 - 19.01.1990

Zum 100. Geburtstag Wehners, am 11. Juli 2006, erschien in der „Zeit“ ein Beitrag in dem Wehner als „Baumeister der Großen Koalition“ lobend erwähnt wurde. Dieses Regierungsbündnis sei „sein ureigenstes Werk, seine Schöpfung“; er habe es „gegen mächtigen Widerstand in der eigenen Partei, ja selbst gegen den ursprünglichen Wunsch Willy Brandts“ durchgesetzt, denn in den '60er Jahren sei nicht Brandt, sondern Wehner „der eigentliche Führer der Partei“ gewesen. Wehner, so hieß es dort, sei ein „Virtuose des taktischen Spiels“, ein „Regierungsmacher“, der „mit vielen Täuschungsmanövern in zielstrebigem Zickzack“ auf das Bündnis mit den Unionsparteien zugesteuert sei.

Am 11. Juli 1906 in Dresden geboren begann er 1921 eine kaufmännische Lehre und trat 1923 der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) bei, der damaligen Jugendorganisation der wiedervereinigten SPD (von 1916 – 1922 MSPD und USPD).

Aus Protest gegen den Einmarsch der Reichswehr in Sachsen im Herbst 1923 trat Herbert Wehner aus der SPD-Jugend aus und gründete mit einigen Mitstreitern eine freie anarchistische Jugendgruppe. Anfangs waren sie nur „12 Männeken“, später wuchs ihre Zahl auf mehrere hundert junge Männer und Frauen an. Im Jahr 1926 gab er für die „Anarchistische Jugend Dresden“ eine eigene Zeitschrift heraus, die „Revolutionäre Tat“. Unter dem Motto „Anarchie ist nicht Chaos, sondern Ordnung ohne Herrschaft!“ erschienen im Frühjahr und Sommer allerdings nur drei vierseitige Ausgaben. Die meisten Artikel stammten von ihm selbst. Am Ende seines Leitartikels in der ersten Ausgabe hieß es: „Der erste Schritt, den jeder tun kann, ist, sich frei zu machen von dem Untertanengemüt.“ Wehner forderte dazu auf, mit Inbrunst zu fechten: „Unser Wille wird Berge versetzen.“ Er verurteilte die Trägheit des deutschen Proletariats. Verantwortlich dafür machte er die Sozialdemokratie, die mit Hilfe der „zurechtgemachten ‚Wissenschaft’ des Marxismus“ das Proletariat zur Tatenlosigkeit verdamme. Aber auch die Arbeiter selbst seien „bestimmt spießbürgerlicher als die von ihnen oft geschmähten Bürger.“

Das „Anarchistische“ - zeitweise stand er Erich Mühsam als Privatsekretär zur Seite - war ihm dann aber doch zu „frei“. Er wechselte 1927 zur straff organisierten KPD. Dort begann soglich seine hauptamtliche Parteikarriere: 1927/28 Bezirkssekretär der „Roten Hilfe“ für Ostsachsen, ein Jahr später Sekretär der „Roten Gewerkschaftsopposition (RGO)“, der Gegenorganisation gegen den sozialdemokratischen ADGB. 1930 wurde Abgeordneter und sogleich stellvertretender Vorsitzender der KPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, 1931 Mitarbeiter im ZK in Berlin, 1932 Sekretär von Ernst Thälmann im Politbüro. Wehner stieg nach der Machtübertragung an Hitler zu einem der wichtigen Parteiführer der illegalen KPD im Inland auf, bevor er im Juni 1934 emigrieren musste, zunächst nach dem damals noch unter französischer Verwaltung stehenden Saarbrücken.

Während Wehner in der innerparteilichen Auseinandersetzung um den Kurs gegen den Nationalsozialismus 1934/35 Wilhelm Piek und Walter Ulbricht unterstützte und auf der „Brüsseler Konferenz“ - aus Tarnungsgünden so genannte 13. Partei-Konferenzder KPD vom 3. bis 15. Oktober1935 in Kunzewo bei Moskau - ins ZK und zum Kandidaten für das Politbüro gewählt wurde, geriet er im Juni 1936 bei einer Tagung in Paris in der Frage, wie weit die KPD bei der Bildung einer „Volksfront“ der Parteien der Arbeiterbewegung auf die SPD zugehen könne, in Streit mit Ulbricht. Er wurde „zur Berichterstattung“ nach Moskau gerufen und geriet in die Stalinschen „Säuberungen“. Dort schrieb er, da er mit seiner Verhaftung und Liquidierung rechnen musste, über seine Genossinnen und Genossen „Berichte“, wie diese über ihn. Das Parteiverfahren gegen ihn wurde 1939 in Moskau eingestellt. So konnte er von der Komintern 1941 nach Stockholm geschickt, um von dort illegal nach Deutschland einzureisen. Doch er wurde kurz nach seiner Ankunft wegen Spionageverdacht“ - absichtlich? - verhaftet und inhaftiert. Den Gefängnisaufenthalt nutzte er, um sich vom „totalitären Kommunismus“ loszusagen. Am 6. Juni 1942 wurde er deshalb als „Verräter“ aus der KPD ausgeschlossen.

Kurz nach seiner Rückkehr nach Deutschland im September 1946 trat er in die SPD ein. Von Kurt Schumacher unterstützt kandidierte er 1949 für den ersten Deutschen Bundestag, dem er ununterbrochen bis 1983 angehörte. Sein vorrangiges politisches Ziel war die Wiedervereinigung. Von1949 bis 1966 war er Vorsitzender des „Ausschusses für gesamtdeutsche und Berliner Fragen“, von 1966 bis 1969 Minister für denselben Aufgabenbereich. Nach dem Antritt der sozialliberalen Koalition wurde er von Brandt gebeten, die Fraktion, angesichts des geringen Stimmenvorsprungs zusammenzuhalten. Von 1969 bis 1983 erfüllte er als Fraktionsvorsitzender diese Aufgabe musterhaft. Seine Strenge und sein Pflichtbewusstsein brachten ihm den Ruf eines »Zuchtmeisters« und »Kärrners« in der SPD ein.

Ein Beispiel: Als 1968 nach der versuchten Ermordung Rudi Dutschkes nicht nur die Studenten gegen die Hetzblätter der Springer-Presse demonstrierten und die Auslieferung der „Bild“-Zeitung zu verhindern suchten („Osterunruhen“), verurteilte Wehner die Demonstranten, unter ihnen viele Jusos. Gustav Heinemann hielt ihm entgegen, dass, wer mit dem einen Finger auf andere weise, solle bedenken, dass drei Finger auf ihn selbst gerichtet seien. (So in einem Gespräch des PV mit dem Vorstand des Verbands Deutscher Studentenschaften (vds), dem ich damals angehörte.) Der Wahlerfolg der SPD 1969 war denn auch eher der Politik Willy Brandts zu verdanken.

Mit Willy Brandt verband ihn keine herzliche Freundschaft. Er hätte die Fortsetzung der Koalition mit der CDU/CSU der sozialliberalen Koalition mit der FDP 1969 vorgezogen. Auch befürwortete er nur zurückhaltend die von Egon Bahr wesentlich geprägte Politik gegenüber der DDR und suchte eigene Kontakte zu Honecker. An Brandts Rücktritt 1974 war er nicht unbeteiligt: Er hielt ihn für einen guten Parteivorsitzenden („Willy wir lieben Dich“), aber einen nur mäßigen Kanzler.

Nach dem Scheitern der sozial-liberalen Koalition im Herbst 1982 trat Wehner den Rückzug aus der aktiven Politik an. Für eine große Zahl der älteren Parteimitglieder aber blieb Wehner „Onkel Herbert“.