Hans-Jochen Vogel, 3. Februar 1926 - 26. Juli 2020
Ein sozialistischer „Seeheimer“
Hans-Jochen Vogel war 70 Jahre Mitglied der SPD: Von 1950 bis zu seinem Tod 2020. Das war ihm nicht an der Wiege gesungen worden. Er war Mitgründer des „Seeheimer Kreises“, der innerparteilich als „rechts“ gilt (was auch immer das heißen mag). Seine letzte Publikation aber verteidigte eine Forderung der SPD aus dem „Görlitzer Programm“ 1921: „Grund und Boden sind der kapitalistischen Ausbeutung zu entziehen und in den Dienst der Gemeinschaft zu überführen“, die auch von den eifrigsten Linken in der Partei geteilt wird.
Geboren wurde er vor 99 Jahren als Sohn eines Privatdozenten, der wenige Jahre später (1934) als Professor für Tierzucht an die Universität Gießen berufen wurde. Die Mutter war katholisch, der Vater evangelisch und bereits 1932 in die NSDAP eingetreten. Dass er in der Hitlerjugend einige Jahre später Kassenwart seines Fähnleins wurde, war jedoch nicht auf seinen Vater, sondern seinen Schulleiter am humanistischen Gymnasium in Gießen zurückzuführen, der ihn kritisierte, als einziger seiner Klasse nicht in dieser Jugendorganisation zu sein. Doch er entwickelte keine Anhänglichkeit an die Nazis: Nach dem Abitur im März 1943 meldete er sich freiwillig zur Wehrmacht, um der Verpflichtung zum Dienst in der Waffen-SS zu entgehen.
Aus der Kriegsgefangenschaft bereits 1945 entlassen studierte er Jura in Marburg (Examen 1948) und München (Promotion 1950). Er begann im bayrischen Staatsdienst, nicht ohne im gleichen Jahr, nach eingehender Prüfung der verschiedenen Parteiprogramme und -aktivitäten, der SPD beizutreten. Nach Tätigkeiten in der Justizveraltung und als Amtsrichter in Traunstein wechselte er, als es selbst in Bayern einmal gelang (1954 - 1957), einen Sozialdemokraten (Hoegner) in das Amt des Ministerpräsidenten zu wählen, in die Staatskanzlei. Nach dem Auseinanderbrechen der Regierung Hoegner wechselte er in das Rechtsamt der von dem SPD-Mann Thomas Wimmer seit 1948 regierte München.
Damit begann eine steile Karriere: 1960 gelang es ihm, als Nachfolger Wimmers die Wahl zum Oberbürgermeister zu gewinnen und für 12 Jahre zu verteidigen. Sein größter Erfolg: Er trug mit dazu bei, dass die Olympischen Spiele 1972 nach München vergeben wurden – und damit viel Geld in die Modernisierung der Stadt, u.a. den U- und S-Bahnbau flossen.
Die Zeit war aber auch die eines tiefgehenden Konflikts mit den bayrischen, speziell den Münchener Jungsozialisten, der schließlich dazu führte, dass er auf eine weitere Kandidatur für die Jahre nach 1972 verzichtete. Die Gründe für diesen Konflikt sind kaum noch nachvollziehbar: München erlebte in den 60er und 70er Jahre die „Schwabinger Krawalle (1962), große Demonstrationen gegen den Bundeskanzler Kiesinger (1966), gegen den schmutzigen Krieg der Amerikaner in Vietnam (1967), gegen einen autoritären Staatsgast aus Persien (1967), gegen die Hetze der „Bild“-Zeitung nach den Schüssen auf Dutschke (1968) und 1970 einen Angriff von RAF-Sympathisanten auf ein jüdisches Kulturzentrum (Brandstiftung), bei dem 7 Menschen zu Tode kamen.
Sein früheres Verständnis für die Studentendemonstrationen war überstrapaziert worden. In den 70er Jahren bezog er mehr und mehr Stellung im Sinne des Seeheimer Kreises“.
1972 berief Willy Brandt ihn zum Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau. Zwei Jahre später übernahm er unter Bundeskanzler Helmut Schmidt das Bundesjustizministerium. Mit Schmidt gemeinsam verantwortete er die Entscheidungen zur Lorenz- und zur Schleyer-Entführung.
Immer mehr geriet er zur zentralen Figur innerhalb der SPD: Als die Berliner SPD nach der „Garski-Affäre“ und dem damit verbundenen Abgang von Dietrich Stobbe als „Regierender“ nicht mehr weiter wusste, musste Hans Jochen Vogel übernehmen. Aus den Neuwahlen ging Richard von Weizsäcker als Gewinner hervor. Vogel blieb bis 1983 Berliner Abgeordneter im Bundestag. Nach den Bundestagswahlen 1983 wurde er Vorsitzender der BT-Fraktion als Nachfolger Herbert Wehners. 1987 folgte er Willy Brandt im Amt des Parteivorsitzenden.
Seit 1988/89 hatte er angesichts der Politik von Michael Gorbatschow die Möglichkeit einer deutschen Wiedervereinigung erwartet. Sie trat ein und Vogel wurde nach der Vereinigung der Ost- und West-SPD der erste gesamtdeutsche SPD-Vorsitzende.
Doch es zeigte sich, dass es innerhalb der SPD auch Gegner der Einigung gab und nicht zu wenige. Uneinigkeit mit dem inzwischen zum SPD-Kanzlerkandidaten für die kommende Bundestagswahl (Dezember 1990) bestimmten Oskar Lafontaine ergab sich, als dieser die einhellige Ablehnung des Vertrags über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion mit der DDR durch die SPD-Bundestagsfraktion einforderte. Bei der Bundestagswahl kam die SPD mit Lafontaine auf 33,5 Prozent der Stimmen, ein Minus von 3,5 Prozentpunkten im Vergleich zur vorherigen Bundestagswahl. Die von Vogel ihm angetragene Übernahme von Partei- und Fraktionsvorsitz lehnte Lafontaine nach kritischen innerparteilichen Stimmen zu seinem Agieren als Kanzlerkandidat ab, so dass der von Vogel nun forcierte Generationswechsel auf Björn Engholm zulief, der auf dem Bremer Parteitag Ende Mai 1991 gewählt wurde. Im Herbst verzichtete Vogel auch auf die Wiederwahl zum Fraktionsvorsitzenden. Hans-Jochen Klose löste ihn ab.
„Meine Maxime war, man müsse gehen, solange man seinen Mitmenschen die Bekundungen des Bedauerns noch glauben könne.“
Im „Ruhestand“ arbeitete er ab 1993 gemeinsam mit ehemaligen Bremer Bürgermeister Hans Koschnik und dem Vorsitzenden der SPD Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten (AvS) Heinz Putzrath, in der Vereinigung „Gegen Vergessen – mehr Demokratie“, die sich dem damals immer deutlicher werdenden Rechtsextremismus, der sich in fremden-feindlichen Ausschreitungen zwischen 1991 und 1993 wie in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen, zeigten, entgegenstellte sowie den in der DDR verfolgten Sozialdemokraten half.
In den letzten Lebensjahren litt Hans-Jochen Vogel an der Parkinson-Erkrankung. Er starb am 26. Juli 2020 im Alter von 94 Jahren in München.