Gemeinsam die Welt verbessern – Bruno Taut und Martin Wagner

Veröffentlicht am 18.10.2026 in Geschichte

Vortrag von Christoph Ehmann anläßlich der Veranstaltungen zu „100 Jahre Waldsiedlung Zehlendorf“ am 2. Oktober 2026

„Gemeinsam die Welt verbessern“. Die Betonung liegt auf dem ersten Wort: Gemeinsam! Denn es gibt wohl wenige Architekten und Stadtplaner, die in Theorie und Praxis so vereint waren wie Taut und Wagner. Und die so absichtsvoll und konsequent von der Nachwelt auseinander dividiert wurden, wie diese beiden. Sie hatten mehrfach und gemeinsam, wie keine anderen, Weltkulturerbe geschaffen: Die „Siedlungen der Berliner Moderne“, die weltweit und wegweisend für den sozialen Wohnungsbau der 1920er Jahre stehen.

Sie wussten, wie man es macht – indem sie es machten. Und zwar indem Martin Wagner die Voraussetzungen dafür schuf, indem er das Gelände sicherte, damit sowohl in der Hufeisensiedlung als auch in der Waldsiedlung Taut, Hering und Salvisberg so bauen konnten, wie sie gemeinsam es sich dachten.

Bruno Taut wurde nach 1945 in Deutschland anerkannt, Martin Wagner hingegen wurde noch nach seinem Tod durch den höchsten Staatsrepräsentanten, Bundespräsident Heuss, verächtlich gemacht. Er musste erst kalendarisch 100 Jahre alt werden bis über ihn, bezeichnenderweise zunächst im Ausland eine Biographie erschien und daraufhin die Akademie der Künste Berlin ihm eine Ausstellung widmete. Fünf Jahre nach Bruno Taut.

Wo lagen die Unterschiede zwischen beiden? Starb Martin Wagner zu spät? Wusste er zu viel?

„Gemeinsam die Welt verbessern“. Für die Waldsiedlung insbesondere gilt: „Kein Taut ohne Wagner!“, ohne Martin Wagners berühmten, weil gesetzwidrigen ersten Spatenstich wäre sie, worauf Ute Scheub in der Schrift zum 100jährigen „Wald, Licht, Luft, Sonne“ hinweist, kaum möglich geworden. Im Programm zum Hundertjährigen „Die Siedlung hat's in sich“ aber wird Bruno Taut sechs Mal genannt. Martin Wagner ein einziges Mal – im Titel der heutigen Veranstaltung. Das geschah gewiss nicht mit böser Absicht. Es geschah einfach so. Man dachte eben mehr an Taut. Da musste man auch nicht viel erklären. Man konnte ihn ja sehen. Farbenfroh!

In meinem Bücherregal füllen die Bücher, die sich vornehmlich mit Bruno Taut beschäftigen oder von ihm selbst geschrieben sind, ungefähr einen Meter. Dazu gestellt habe ich auch die eine der beiden zu seinem 100-sten Geburtstag 1985 erschienen Biographien über Martin Wagner. Eine ist eine biographische Erzählung, so nennt sie sein Sohn Bernard. Die zweite, frühere, aus der ich im Folgenden häufiger zitieren werde, basiert auf einer Dissertation, die an der Architektur-Fakultät der – nein, nicht der TU Berlin, auf deren Rolle im Leben Wagners komme ich noch zurück, sondern - der Technischen Universität Venedig in den 1980er Jahren eingereicht wurde. Die Autorin ist Ludovica Scarpa, die heute, allerdings nur zeitweise, d.h. zurzeit gerade nicht, in Berlin lebt. Die deutsche Übersetzung erschien 1986, also vor 40 Jahren im Vieweg-Verlag Braunschweig/Wiesbaden und wurde herausgegeben vom – ebenfalls weitab liegenden - Architekturmuseum Frankfurt. Das war es zu Martin Wagner. Auf der Gedenkplatte an der Ecke Riemeisterstraße/ Argentinische Allee ist denn auch nur Bruno Taut erwähnt. Ich habe an der Einweihung dieser kleinen Gedenkplatte teilgenommen, kann mich aber nicht erinnern, dass in der Reden von Julius Posener und Richard Röhrbein der Name Martin Wagner fiel.

Doch nun zu ihrem gemeinsamen Schaffen. Wie kamen sie überhaupt zusammen?

Bruno Taut und Martin Wagner waren beide, - Taut in einer Hugenotten-Familie 1880, Wagner in einer Kaufmannsfamilie 1885 – in Königsberg zur Welt gekommen. Sie waren beide nicht familiär beruflich vorgeprägt. Keiner der Väter war Maurer, nicht einmal Freimaurer. Nach getrennten „Lehr- und Wanderjahren“ nach Leipzig, Wittenberg, Stuttgart, Hamburg, Rüstringen und anderswohin trafen sie sich noch vor dem 1. Weltkrieg in Berlin.

Bereits 1912 war es gelungen, aus den zahlreichen umliegenden Rittergütern und Städten gegen den heftigen Widerstand der in den Umlandgemeinden tonangebenden Großagrarier und Großindustriellen, dem Bündnis von „Roggen und Eisen“, den „Zweckverband Groß-Berlin“ als gemeinsames Planungsgremium zu bilden.

Am 1. Juni 1914 begann Martin Wagner seine Tätigkeit im Zweckverband. Seine Aufgabe bestand in der Aufstellung von Bebauungsplänen für den Bezirk Teltow, in der Freiflächenplanung und in der Verkehrsplanung. Zu Bebauungsplänen mit einer langfristigen Laufzeit entwickelte Wagner rasch eine gewisse Distanz. Für ihn – wie auch für Taut – waren Städte lebendige Siedlungen, die in Abhängigkeit von der Bevölkerungszahl wie auch von der wirtschaftlichen Entwicklung „atmend“ sein sollten. Das schloss ein, dass sie veränderbar sein mussten, nach einer gewissen Zeit z.B. 30 – 50 Jahren auch abgerissen und neugebaut werden konnten. Eine Idee, die unmittelbare Konsequenzen für die Baumaterialien haben würde. Und deren Kosten! Ihre Bauten waren nicht für die Ewigkeit gedacht, also veränderbar. Dies als Anmerkung für den Denkmalschutz.

Der Zweckverband war auch gebildet worden, um den Verkauf großer Flächen an private Nutzer in den zum Planungsraum gehörenden Umlandgemeinden wie Charlottenburg, Spandau, Köpenick und den Landkreisen Teltow und Niederbarnim zu bremsen. Stattdessen galt es vor allem Wälder für Erholungszwecke der wachsenden Stadtbevölkerung zu sichern. So war der nachhaltigste Deal Wagners, schon ein Jahr nach seiner Berufung der Erwerb von 10.000 Hektar Wald für den Zweckverband zum Preis von 50 Millionen Goldmark vom preußischen Staat. In den Vertrag wurde aufgenommen, dass der Waldbestand in seiner Summe erhalten bleiben müsste, auch wenn es zu Veräußerungen oder Fremdnutzungen von Teilgebieten kommen sollte. Diese „Dauerwaldvertrag“ trug wesentlich dazu bei, dass heute Berlin 18 Prozent seiner Grundfläche als Waldfläche kategorisieren kann.

Martin Wagner konnte damit vieles, was er in seiner Dissertation „Das sanitäre Grün. Ein Beitrag zur Freiflächentheorie“ 1915 an der TU Charlottenburg (heute TU Berlin) skizziert hatte, umsetzen. Wagner unterschied darin zwei Sorten von „Grün“. Das „dekorative Grün“, nur fürs Auge und zumeist gekennzeichnet durch Schilder wie „Betreten der Rasenfläche verboten“ und das „sanitäre Grün“, das der Gesundheit der Bevölkerung zugute kommen sollte, also vornehmlich Spiel- und Sportplätze sowie Parkanlagen mit Bänken und Tischen. Nach seinen Vorstellungen sollten solche Zonen von Kindern Jugendlichen und Erwachsenen in – je nach Alter – 10 bis 30 Minuten erreichbar sein. 20 bis 30 Minuten sollten reichen, um auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln in einen Stadtwald zu kommen. Wer vor einem Monat, am 8. September Gelegenheit hatte, der Buchvorstellung von Stephan Ramler „Cool Down – Berlin als Reallabor für Hitzeschutz“ in diesem Raum beizuwohnen, dem wird auffallen, dass vor 110 Jahren schon sozialdemokratische Stadtplaner sehr Ähnliches für angemessen hielten. Sie hatten übrigens die gleichen ideologischen Gegner wie es sie heute noch gibt.

Ihr erstes gemeinsames Projekt, die Siedlung Lindenhof im Süden Schönebergs entstand, als Martin Wagner in dieser Gemeinde noch vor dem Bildung Groß-Berlins Baustadtrat war. Vieles erinnerte in der Siedlung an die Gartenstadtbewegung, die sie beide in England bzw. den Niederlanden vor dem Krieg kennengelernt hatten. Der Eingang zur Siedlung, das „Ledigenheim“, wurde ein Vorzeigeprojekt Bruno Tauts. Schon hier fiel die Farbgebung auf: „Tuschkasten“ nannten sie einige.

Seine Berufung als Stadtbaurat in die noch selbstständige Gemeinde Schöneberg hatte Wagner seinen besonderen Aktivitäten in der Gemeinde Rüstringen bei Hamburg zu danken, in der er von 1911 bis 1914 Stadtplaner war. Rüstringen war eine rasch gewachsene Stadt, deren Bewohner zumeist in den Werften arbeiteten und dank der Flottenrüstung Wilhelm II ein relativ gutes Einkommen erhielten. Wagner hatte dort nicht nur mit einem Hausbauprogramm begonnen, dessen Kosten er so reduzierte, dass die Objekte auch für Facharbeiter der Werften erschwinglich waren. Im Rahmen dieses Programm hatte er auch begonnen, Bauteile vorzuproduzieren. Das waren noch keine Fertighäuser in unserem heutigen Sinne, aber auf diese Weise konnten Bauteile gefertigt werden, wenn aus Witterungsgründen die Bautätigkeit gemeinhin ruhte. Auf diese Weise konnte die Herstellung der Wohnhäuser spürbar verkürzt werden und die Preise für Baustoffe im Vergleich zu den im Nachkriegsboom ansonsten verlangten niedrig gehalten werden.

Sein Ziel war, preiswerte Wohnhäuser für Gewerkschafter und die in diesen organisierten Facharbeiter. Wenn in den folgenden Jahren von den Plänen von Taut und Wagner die Rede ist, preislich erschwingliche Wohnungen und Häuser für Arbeiter zu bauen, so waren damit stets die über ein Mindesteinkommen verfügenden qualifizierten Facharbeiter gemeint. Denn diese Zielgruppe, nicht ungelernte Arbeiter, fand er in den Gewerkschaften, zu denen er Zeit seines Lebens eine festere Beziehung als zur SPD hatte. Gewerkschaften waren ebenso wie die SPD Organisationen von qualifizierten Arbeitern und Handwerkern.

Der Großverband Berlin stand vor dem gleichen, angesichts des raschen Bevölkerungswachstums allerdings zahlenmässig weit grösseren Problem als Rüstringen, was den Wohnungsbedarf betraf. Die verantwortlichen Politiker, unter ihnen auch Gewerkschafter, in der noch selbständigen Gemeinde Schöneberg hatten von Wagner gehört und waren in Auswertung einer Besichtigungsreise nach Rüstringen davon überzeugt, in Wagner den geeigneten Stadtbaurat gefunden zu haben. Sie stellten ihn noch vor Kriegsende zum 1. Juli 1918 als Stadtbaurat ein.

Als aus dem Planungsverband Groß-Berlin 1920 die Stadt Berlin wurde, schied er aus den Diensten der nunmehr als Bezirk der Stadt Berlin zu betrachtenden Gemeinde Schöneberg aus. Er wäre nur noch ein „Nachgeordneter“ gewesen. Und zum „weisungsgebundenen Kommunalbeamten“ eignete er sich schon gar nicht. Er wollte von Beginn an der „Regisseur“ sein.

Die SPD bot ihm an, ihr Kandidat für das Amt des bezahlten Stadtbaurat für das Wohnungs- und Siedlungswesen im neuen Groß-Berlin zu werden. Der Senat bestand damals aus maximal 30 Stadträten, von denen 18 hauptamtlich und 12 ehrenamtlich also unbesoldet tätig sein sollten. Doch er lehnte ab. Das hatte drei Gründe. Zum einen führte die große Zahl der Stadträte dazu, dass jedem – Frauen gab es damals noch nicht in diesen Ämtern – nur kleine Aufgabengebiete zugeteilt wurden. Wagner aber betrachtete es als seine vorrangige Aufgabe, wie Ludovica Scarpa es beschreibt, das gesamte Wohnungswesen im Sinne des preußischen Absolutismus zentral zu steuern, mit ihm selbst als „Regisseur“. Bis zum Ende seiner Tätigkeit in Berlin nahm er immer wieder Anläufe, die Stadtplanung mit allen Teilbereiche zu zentralisieren, am besten in seiner Verantwortung. Erfolglos.

Ein weiterer Grund war seine Gegnerschaft zu Oberbürgermeister Böß, der sich zunächst der SPD, nach seiner Wahl jedoch der DDP, - einer liberalen wirtschaftsnahen Partei im Unterschied zu der konservativen „Wirtschaftspartei“ – zurechnete. Böß war vor seiner Wahl zum OB als Kämmerer für (Klein-)Berlin tätig gewesen. In dieser Funktion hatte Wagner ihn kennen und wohl nicht besonders schätzen gelernt. Böß hielt seinerseits Wagner für „geltungssüchtig“.

Der dritte und wohl ausschlaggebende Grund war die grundsätzlich unterschiedliche Auffassung über den Charakter der Wohnungswirtschaft. Die Zeiten in Rüstringen hatten in Wagner die Haltung verstärkt, dass die Verfügung über Grund und Boden die „Basis“ war, um zu sozial verträglichen Kosten Wohnungen bauen zu können. Wagner hatte Anfang 1919 vor der von den Volksbeauftragten eingesetzten Sozialisierungskommission für die Kommunalisierung von Grund und Boden für den Wohnungsbau argumentiert. Die USPD hatte in ihrem Wahlprogramm vom März 1919 gefordert „In den Städten und vorwiegend industriellen Gemeinden ist das Privateigentum an Grund und Boden in Gemeineigentum zu überführen; ausreichende Wohnungen sind von den Gemeinden bereitzustellen.“ Im Görlitzer Programm der mit Teilen der USPD bereits wiedervereinigten SPD von 1921 findet sich diese Forderung denn auch wieder: “Grund und Boden sind der kapitalistischen Ausbeutung zu entziehen und in den Dienst der Volksgemeinschaft zu überführen.“

Böß, eher der DDP wirtschaftspolitisch zugeneigt, war für diese Vorstellungen nicht zu gewinnen.

Wagner versuchte, mit den Gewerkschaften, vor allem dem Baugewerkverband, die kommunale Festung von außen zu knacken.

Dass Grund und Boden der kapitalistischen Spekulation entzogen werden müssten, zumindest ihr nicht ungeschützt ausgesetzt werden dürften, war für Wagner – und Taut – eine wichtige Voraussetzung für die Realisierung sozialen Wohnungsbaus. Das reiche aber nicht. Die Wohnungswirtschaft insgesamt, vom Bodenerwerb bis zur Vermietung, müsste dem Profitstreben entzogen werden. Das hatte er in vielen Artikeln und Vorträgen, nicht zuletzt vor der von den Volksbeauftragten eingesetzten Sozialisierungskommission begründet und damit viel Sympathien bei den Bauarbeitern und ihrer Gewerkschaft gewonnen.

Denn er nahm damit einen Programmpunkt auf, den Bauarbeiter nach dem 1. Weltkrieg in mehreren Gemeinden bereits versucht hatten zu realisieren, in dem sie selbstverwaltete Betriebe nach dem Vorbild der Bauhütten gegründet hatten. Diese Baubetriebe sollten keine pofitorientierten Unternehmungen im Besitz von Baulöwen oder Aktionären, als Couponschneidern sein. Ihr Ziel war ausdrücklich der Bau von bezahlbaren Wohnungen und sozialen Einrichtungen, nicht von Industriebauten oder ganzen Universitäten, woran später die „Neue Heimat“ unter anderem zugrunde ging. Ihre Bezeichnung hatten sie in Anlehnung an die Dombauhütten des Mittelalters gewählt, Unternehmen, die ebenfalls nicht Gewinnmaximierung aus waren, auch wenn die Beschäftigten nicht nur für Gottes Lohn arbeiten wollten und sollten.

Mit der Gründung der ersten Bauhütte in Berlin war der Gedanke der „Überführung der dafür reifen kapitalistischen Betriebe in den Besitz von Reich, (Ländern) und Gemeinden“, wie es noch der Verbandstag der Baugewerbeverbandes 1919 gefordert hatt, ad acta gelegt. Wagner hielt, nachdem in der Weimarer Verfassung die Enteignung im Interesse des Gemeinwahls nur gegen „angemessene Entschädigung“ vorgesehen war, nichts mehr von solchen Theorien. Die Sozialisierung könne, so Wagner, überhaupt nicht theoretisch, sondern nur praktisch gelöst werden. Nicht die Theoretiker, sondern nur die Praktiker, die Ingenieure, Bauarbeiter, Betriebleiter, Architekten und Unternehmer müssten aus der Theorie eine Tat machen“.

„In den alten Bauhütten“, so referiert Ludovica Scarpa Wagners Konzept, „waren es Brüderlichkeit sowie individuelle und kollektive Verantwortung, die Qualität und Produktivität der Arbeit garantierten. In den modernen Bauhütten könne die notwendige Erhöhung der Produktivität nur durch Rationalisierung, also Taylorismus erreicht werden.“ Rationalisierung der Arbeit, so betonte Wagner allerdings, werde nur in Zusammenarbeit mit der Arbeiterklasse möglich sein. Auch deshalb war er stets den Gewerkschaften eng verbunden.

Der im November 1919 gegründeten Bauhütte Berlin folgten rasch zahlreiche weitere Gründungen, so dass die Bildung eines Zusammenschlusses nahe lag. Auf Wagners Initiative hin gründeten die Bauhüttrn im September 1920 in Hamburg, dem Sitz des Baugewerkverbundes, den „Verband sozialer Baubetriebe“ (VSB). Hoffnungsvoll beschrieb er den politischen Zweck dieses Verbandes zu Beginn seiner Tätigkeit in der Zeitschrift: „Soziale Bauwirtschaft“:

„Mit verdienstvollem Weitblick haben sich die Bauarbeiter an die Spitze einer Bewegung gestellt, die das deutsche Bauwesen aus der privatkapitalistischen Wirtschaftsform in die Gemeinwirtschaft überführen will“.

Das kam seiner Visison schon sehr nahe. So schied er aus dem Beamtenverhältnis in Schöneberg aus und übernahm zum 1. Oktober die Geschäftsführung des Verbandes.

Die Wahl der Geschäftsräume des Verbandes festigte die Verbindung zu Bruno Taut: Der VSB mietete in in den Räumen der Architekturfirma Taut und Hoffmann in der Linkstr. 20 kurzeitig zwei Hinterzimmer.

Nun war es mit der gemeinnützigen Wirtschaftsform der Baubetriebe nicht getan, wenn für die Massen gebaut werden sollte. Die wirklich profitablen Bauunternehmen verfügten, bevor sie bauten, über größere Flächen Grund und Boden, bauten dann und machten danach den Profit. Um diese Profitmaximierung für die Zukunft auszuschalten, war die Überführung von Grund und Boden in eine gemeinnützige Eigentumsform, also die Kommunalisierung unumgehbar. Die Festlegung in der Verfassung, dass Sozialisierung von Grund und Boden nur gegen angemessene Entschädigung möglich sei, machte, so Jörn Janssen im Katalog zur Wagner-Ausstellung 1985 lakonisch, „Sozialismus unerschwinglich“.

Wagner strebte sein Ziel deshalb auf andere Weise an: Mit der Gründung des VSB und der Übernahme der Geschäftsführung hoffte Wagner, mit der Zeit überzeugend darstellen zu können, dass eine gemeinnützige Bauwirtschaft das Grundrecht auf angemessenen und bezahlbaren Wohnraum am ehesten realisieren könnte. Deshalb ging es ihm nicht nur um das Bauwesen im engeren Sinne: „Mit der Bauhüttenbewegung hatte sich die deutsche Gewerkschaftsbewegung eine Bewegung zur Eroberung eines Teiles der deutschen Wirtschaft geschaffen“ (So der stellv. Vorsitzende August Ellingern auf dem Zweiten ordentlichen Bundestages des Deutschen Baugewerbebundes in Dresden 1927). Am Beispiel der Bauwirtschaft sollte die Möglichkeit des demokratischen, also durch Wahlen erfolgenden Hinüberwachsens des Kapitalismus in den Sozialismus realisiert werden, wie es in den Programmen der SPD seit 1875 erhofft wurde. Folgerichtig trat Wagner 1920 in die SPD ein.

Damit hatte Wagner zwar zwei Komponenten seines gemeinnützigen Modells zusammen: Das Baugelände für den Wohnungsbau sollten die Gemeinden stellen, die Bauarbeiten einschließlich der Architekturleistungen würden die Bauhütten im Verband Sozialer Betriebe erbringen. Wenn denn drittens das Geld für die Bezahlung der Bauarbeiten sowie der Baumaterialien beschafft wäre. Doch zur Zeit musste das Geld durch die Kommunen oder die gemeinnützigen Betriebe aufgenommen also geliehen werden und zwar von den Banken, die dafür 10 bis 15 Prozent Zinsen verlangten. So wundert es wenig, dass trotz der 1,5 – 2 Mio fehlenden Wohnungen im Reich, davon etwa 250.000 in Berlin die Bautätigkeit mit dem Bauhütten nicht in Gang kam. In den Jahren 1919 – 1924 wurden in Berlin rd. 9.000 Wohnungen jährlich gebaut, obwohl die drei- bis vierfache Zahl benötigt wurde. Und wenn Neubauten erfolgten, dann im hochpreisigen Bereich, da sich die Terraingesellschaften nicht durch niedrigpreisiges Bauen Konkurrenz zu den in ihrem Besitz befindlich Mietskasernen schaffen wollten. Lieber ließen sie, wie schon in den Jahren 1905 bis 1908 Prachtbauten unvermietet stehen.

Die Bauhütten waren mit 70 bis 150 Mitarbeitern zu klein und den Banken wohl auch aus ideologischen Gründen als Partner unwillkommen. Das Geld für größere Bauvorhaben wie den Siedlungsbau müsste woanders her kommen.

Wagner hatte seit 1916 mehrfach die Idee zu einer „Hauszinssteuer“ vorgetragen, die unter Beibehaltung der Mietpreisbindung auf Vorkriegsniveau, „einen“ - so Ludovica Scarpa, „hohen Prozentsatz der bestehenden Mietverhältnisse erreichen könnte, ohne die betreffenden Einkommensschichten übermäßig zu belasten. Eine solche Steuer hätte die Miete zwar gegenüber dem geltenden Vorkriegsniveau im Extremfall verdoppelt, wäre aber für die Mieter weniger drückend als eine Öffnung des Wohnungssektors für den freien Markt. Wodurch sich die Mieten durchschnittlich verzehnfachen würden.“

Die Einnahmen aus dieser Steuer sollten ausschließlich dem Haus- und Wohnungsbau zufließen.

1924 kam es schließlich zu dieser Abgabe. Das hatte seinen Grund in der Inflation. Wieso? Die Steuer sollte einen Ausgleich für die Vorteile schaffen, die die Grundeigentümer durch die Inflation 1922/23 genossen hatten. In der Inflation waren die hypothekarischen Schulden der Immobilienbesitzer quasi liquidiert worden. Der Nennwert der Hypothek stieg während der Inflation nicht, konnte aber mit dem Inflationsgeld abgetragen werden. Die eine Million, die Ende 1923 für den Kauf eines Brotes zu zahlen war, konnte auch für die Begleichung einer Hypothek in gleicher Höhe genutzt werden.

Dem kommunalen Siedlungsbau standen ab 1924 in Preußen dadurch etwa 1 Mrd. Reichsmark jährlich für niedrig verzinste Baukredite zur Verügung, nicht nur der gemeinnützigen Bauwirtschaft. Auch private Unternehmen konnten solche Kredite aufnehmen, wenn sie bestimmte Vorgaben einhielten, etwa in Bezug auf die Wohnungsgröße und die sanitäre Ausstattung oder den späteren Mietpreis. In Berlin kamen von diesen zur Verfügüng stehenden 1 Mrd jährlich jedoch höchsten 360 Millionen Reichsmark an. Der preußische Staat hatte noch andere Finanzlöcher, in die man diese Einahmen versenken konnte.

Die jeweiligen Bauhütten waren als einzelne zu klein, um die angestrebten Bauvolumina bewältigen zu können. Es musste also eine größere Firma, am besten ein Baukonzern her. So kam es auf Anregung der VSB und der Baugewerkschaft 1924 zur Gründung einer eigenen zentalen Einrichtung zur Finanzierung gewerkschaftlicher Bauunternehmungen als Selbsthilfeeinrichtungen der Mitglieder. Träger dieser ebenfalls nach Plänen Martin Wagners gegründeten „Deutschen Wohnungsfürsorge Aktiengesellschaft für Arbeiter, Angestellte und Beamte“ (DEWOG) – nicht zu verwechseln mit der Berliner kommunalen DEGEWO – wurden der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB), der Allgemeine freie Angestelltenbund (AfA), die die höchsten Mitgliederzahlen hatten, sowie der Allgemeine Deutsche Beamtenbund (ADB), der sich 1922 vom rechtslastigen Deutschen Beamtenbund DBB abgespalten hatte. Hinzu kamen die „Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten AG“ die von den Gewerkschaften als Reaktion auf die Inflation gegründet worden war, der VSB und schließlich auch die gewerkschaftseigene Volksfürsorge-Versicherung.

Wagner als Initiator und treibende Kraft wurde im März 1924 als provisorischer Geschäftsführer bestellt. Sofort ging er daran, die Hülle GEWOG mit tätigen Tochtergesellschaften zu füllen. Vier Wochen nach der Gründung der GEWOG erfolgte bereits die Gründung der GEHAG, der Gemeinnützigen Heimstätten-, Spar- und Bau-Aktiengesellschaft in Berlin, deren Aufsichtsratsvorsitzender Wagner wurde. Damit nicht genug: Im September und Oktober 1924 finanzierte der ADGB Wagner und dem Wirtschaftsfachmann der Gewerkschaften, Walter Astor, eine Studienreise in die USA, auf der sie vornehmlich die Praxis der Taylorisierung als Element der Rationalisierung studierten. Rationalisierung, in Abstimmung mit den Beschäftigten wurde zum Kern der Wagnerschen Planungen für bezahlbares Wohnen. Dazu gehörte auch der Einsatz von Maschinen für ein effizientes Bauen.

Bald nach seiner Rückkehr aus den USA schied er mit dem 31. März 1925 aus der Geschäftsführung des VSB aus und übernahm die Funktion des Leitenden Direktors der DEWOG.

Zuvor aber hatte er noch 1924 Bruno Taut für die GEHAG aus seine Stelle als Stadtplaner in Magdeburg wieder abgeworben und als beratenden Architekten für die GEHAG gewonnen. Wagner hatte 1921 wesentlich dazu beigetragen, das Taut auf diese Position von der SPD–Mehrheit im Magdeburger Stadtrat berufen wurde. Nun holte er ihn wieder zurück. Bereits im Mai 1925 führten Wagner und Taut eine Gruppe von Bauleuten und Gewerkschaftern zu dem Gelände zu dem Gelände, auf dem nach Tauts und Wagners Vorstellung in dem kommenden zwei Jahren die „Hufeisensiedlung“ entstehen sollte: Mit über 1.000 Wohnungen bei bestmöglicher Wohnqualität, in rationeller Bauweise und mit möglichst geringem materiellen Aufwand.

Der Bau dauerte dann jedoch vier Jahre, von 1925 bis 1929. Die dabei verwendete Flachdächer wurden, so schrieb Karl-Heinz Peters, langjähriger Vorstandsvorsitzender der GEHAG nach dem 2. Weltkrieg, zum Markenzeichen der GEHAG. Als Taut und Wagner für die Zehlendorfer Waldsiedlung die gleiche Bedachung planten – das Flachdach war nach Wagners Berechnungen etwa ein Drittel preiswerter als das Spitzgiebeldach -, verzögerte der Zehlendorfer Bürgermeister, Dr. Schumacher (DNVP) die Genehmigung und gewann Oberbürgermeister Böß für die Auflage die Dächerform zu ändern. Doch der Dächerstreit, so heißt es bei Jens Bisky in „Berlin. Biographie einer großen Stadt“, war nur vorgeschoben. Die bürgerliche Mehrheit in der Zehlendorfer Bezirksverordnetenversammlung wollte keine „Arbeitersiedlung“ in der Nähe des Villenviertels. Taut schrieb über diesen Konflikt: „Es wurde sogar die Polizei mobilisiert, um das Weiterarbeiten zu verhindern. Wagner entwischte durch Zufall der Polizei, die ihn verhaften wollte.“ Wagner berichtete darüber später selbst, „dass ich als verantwortlicher Bauleiter dieser Siedlung von dem Bürgermeister von Zehlendorf, dem Inhaber der hohen Baupolizeigewalt, zweimal in Strafe genommen wurde, weil ich die dauernde Behinderungen der Zehlendorfer Behörden satthatte und mit dem Bau der Kleinwohnungen beginnen ließ, ohne hierzu den verbrieften Schein erhalten zu haben. So vorbestraft wurde ich dann bald zum Stadtbaurat von Berlin gewählt.“

Eine dieser genannten Behinderungen durch Schumacher war die Vorgabe, die Straßen statt wie vorgesehen 10 Meter nun 12 Meter breit zu machen. Ein deutliche Verteuerung, weil mehr Grund zu erwerben war. Doch Wagner konnte sich durchsetzen. Nur die Hauptstraßen wie die heutige Riemeisterstr und die damalige Spandauer Straße waren schließlich davon betroffen.

Angesichts der erzielten Erfolge lag Wagners Übergang vom Geschäftsführer des international angesehenen gemeinnützigen Unternehmens zum Stadtbaurat der nunmehr flächenmäßig zweitgrößten Stadt der Welt nahe. Doch die Wahl war nicht garantiert. Oberbürgermeister in Berlin war immer noch Gustav Böß. Der gehörte mittlerweile der DDP an und hatte einen anderen Favoriten, Roman Friedrich Heiligenthal. Für ihn standen die Chancen gut, denn an seiner Quaifikation für das Amt war ebenfalls nicht zu zweifeln. Und Martin Wagner strebte das Amt seinerseits auch nicht an.

Er war mit seinen mit seinen Plänen für die DEWOG und die GEHAG noch nicht fertig. Wenn es nach ihm ginge, sollten zur GEHAG auch Betriebe der Baumittelherstellung und schließlich auch der Wohnungsverwaltung gehören. Womit er in manchen SPD-Kreisen in Berlin als „zu links“ galt. Ohnehin hatte er seine berufliche Karriere nicht vorrangig der SPD, sondern seiner engen Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft zu verdanken, von denen schließlich auch der größte Teil des Aktien-Kapitals der GEHAG aufgebracht worden war.

Es bedurfte denn auch des erheblichen Drucks der Gewerkschaften, um ihn und die SPD zur Entscheidung für das Amt des Stadtbaurats zu bewegen. Da traf er nun wieder auf Gustav Böß. Die politischen Querelen waren also abzusehen, zumal ein tolles Angebot in Berlin einging, das seinem Geschmack entsprach.

Kurz nach seinem Amtsantritt traf Anfang 1927 das Angebot eines amerikanischen Bankenkonsortiums ein, gegen eine 28-jährige Garantie des üblichen Mietzinses auf Schöneberger Gelände 14.400 Wohnungen, ohne öffentliche Zuschüsse, zu bauen, die nach Ablauf der Garantiezeit in städtisches Eigentum übergehen sollten.

Wagner sah darin die Chance , wegen der großen Zahl der Wohnungen erfolgreich Rationalisierungsdruck auf die Bauwirtschaft ausüben zu können. Die Senatsmehrheit aber machte nicht mit. Unter Führung des Berliner Unternehmers Haberland hatten sich zahlreiche Firmen zusammengefunden, die mit dem Argument, für ein solche großes Projekt müsste ein „Deutsches Unternehmen“ gefunden worden, gegen die Pläne antraten. Es war zwar kein deutschen Unternehmen in der Lage, ein ernstzunehmendes Angebot für dieses Großprojekt zu machen, doch für Böß waren mit einem Mal auch nicht so viele Wohnungen dringend notwendig. Statt 14.400 würden auch 8.000 reichen. Als die Baupläne dann konkret wurden, sahen sie vornehmlich 3½ und 4½ -Zimmerwohnungen zu Mietpreisen vor, die nach Ansicht des Stadtratskollegen Treffert vom Zentrum, „für die allgemeine Masse einfach untragbar“ seien. Das Projekt fand dank der Ablehnung u.a. auch der SPD keine Verwirklichung.

Die Beziehungen zwischen der Politik und der Bauwirtschaft waren in Berlin schon damals eng. Manche meinten auch zu eng. So sollte eine noch vor Wagners Amtsantritt 1925 beschlossene Bauausstellung der Anregung der Berliner und deutschen Bautätigkeit dienen, bzw. die Baufirmen auf Trab bringen. Über die von der Stadt dafür zur Verfügung gestellten Mittel sollte ein Ausschuss, bestehend aus eben jenen, auf Trab zu bringenden Baufirmen entscheiden, die diese Gelegenheit vor allem zur Selbstdarstellung nutzen wollten. Die Ausstellung war für 1930 vorgesehen.

Für das Ausstellungsgelände entwarf Martin Wagner gemeinsam mit Hans Poelzig einen Bebauungsplan. Für beide war es selbstverständlich, dass es keine Weltstadt ohne eine große, internationale Messe geben könnte. Schließlich wurde Teile diese Plans verwirklicht. Über das Konzept der Bauausstellung allerdings konnte lange kein Einvernehmen hergestellt werden. Strittig war vor allem, ob die Baufirmen, deren Engagement für den Wohnungsbau in den Jahren sei dem Kriegsende sehr zurückhaltend war, dennoch die Konzepte für diesen Baubereich gestalten sollte.

Im Streit darüber verbündete sich Wagner mit der kommunistischen Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung, was zu einem, allerdings erfolglosen Vorstoß von OB-Böß führte, der von der SPD verlangte sie solle Wagner zum Rücktritt bewegen. Doch die SPD wollte nicht. Schließlich wurde die Dauerausstellung zu einer zeitlich befristeten Ausstellung herabgestuft und fand 1931 mit einjähriger Verspätung statt. Die Weltwirtschaftskrise verhinderte, dass dem Beispiel Berlins andere deutsche Städte folgten.

Zwar nahm die Zahl der bezugsfertigen Wohnungen von jährlich 9.000 bis 1924, auf jährlich 25.000 bis 43.000 in den Jahren 1925 bis 1932 zu. „Doch“, so schreibt Jens Bisky, trug der „Siedlungsbau unter Martin Wagner zur Behebung der Wohnungsnot nur wenig und zur Überwindung des Wohnungselend in den schlecht ausgestatteten, sanierungsbedürftigen Mietskasernen nichts bei. Er selbst sagte dazu, dass er sich die Verantwortung mit 23 anderen Senatsmitgliedern (der Senat warf zwischenzeitlich von 30 auf 24 Mitglieder verkleinert worden) teile. Die Ruhe der Stadtverordneten, also der Abgeordneten angesichts der existentiellen Probleme habe er nicht verstanden.“ Er bestand weiterhin darauf: „Ein kommunalpolitischer Bevollmächtigter muss her, der Fehler eines Kopfes ist nicht so gefährlich wie die Unterlassung einer großen Tat bei einem Gremium von 500 Köpfen. (der Stadtverordnetenversammlung)“.

Seinem Ziel der Zusammenführung von Zuständigkeiten entsprach auch seine Forderung, die SPD solle sich für die Zusammenlegung der städtischen Wohnungsbaugesellschaften einsetzen. Der für das Bau- und Siedlungswesen zuständige Stadtrat Wutzky, ebenfalls SPD, war dagegen. Doch Wagner gewann die Abstimmung in der Fraktion und Wutzky wurde auf einen anderen Stadtratsposten verschoben. Die nun naheliegende Zusammenlegung der beiden Stadtratsämter unter Wagners Leitung erfolgte wegen des Widerstands des Oberbürgermeisters nicht. Allerdings war der direkte Nachfolger von Wutzky, der SPD-Abgeordnete Czeminsky kooperativer. Mit ihm gemeinsam wurden die Voraussetzungen geschaffen für den Bau der Großsiedlungen, die heute zum Weltkulturerbe gehören.

Böß war Gegner dieser Großsiedlungen, insbesondere weil sie auch Flachdächer haben sollten. Er griff Wagner direkt an: „Sie sind ein Mann von kleinem Format, unbedeutend in ihrem Tun und Lassen.“ Kurze Zeit sah es so aus, als ob nun einer von beiden seinen Hut nehmen müsste. Doch der Zwist konnte noch einmal beigelegt werden.

Von schädlicherem Einfluss waren die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, die man gemeinhin mit dem „Schwarzen Freitag“ dem 25. Oktober 1929 und dem New Yorker Börsenkrach beginnen lässt. Sie führte zum völligen Verzicht auf neue Ausgaben für den Wohnungsbau im Berliner Haushaltsplan. Wegen der Vorfinanzierungen konnten jedoch 1930 noch 43.000 und 1931 noch 31.000 Wohnungen fertiggestellt werden. Danach war Schluss.

Während es in den westlichen Staaten wirtschaftlich rasant abwärts ging, sahen viele die Zukunft im Osten. Die Sowjetunion war seit 1928 zu einem Ort von großem Interesse insbesondere für Architekten und Stadtplaner geworden. Der erste „Fünfjahresplan,- wirksam ab 1929 – sah vielfältige Baumaßnahmen vor. Doch es mangelte an Fachleuten . Die Sowjetunion warb daher um deutsche Architekten. Schon seit 1925 pflegte Bruno Taut Kontakte zur Moskauer Stadtverwaltung. Nun lud der Frankfurter Stadtplaner Ernst May, der seit 1930 für 20 russische Städte Planungen machen und vor allem realisieren konnte, auch Martin Wagner Ende Mai 1930 nach Moskau ein. Wagner nahm zwar die Einladung, als Stadtplaner im Land zu bleiben, nicht an, schwärmte aber nach seiner Rückkehr in mehreren Aufsätzen von den Möglichkeiten der Stadtplanung in der sozialistischen Planwirtschaft und verband dies mit scharfer Kritik, was die Duldung der Bodenspekulation und der Privatisierung von öffentlichen Unternehmen durch die Sozialdemokratie anging. Im April 1931 trat er nach zehnjähriger Mitgliedschaft aus der SPD aus, ohne in eine andere Partei einzutreten. Nun forderte der SPD Bezirksvorstand ihn auf, von seinem Stadtratsposten zurückzutreten. Der Aufforderung kam er nicht nach. Er erhielt jedoch die „zusätzliche“, in der Realität ausschließliche Verantwortung für die innerbehördliche „Brief- und Paketbeförderung und das Aktenfuhrwesen“.

Andere schätzten ihn jedoch: Im August 1931 ehrte ihn die Preußische Akademie der Künste mit der Berufung zum Akademiemitglied. Derweil ging es im Berliner Senat drunter und drüber. Oberbürgermeister Gustav Böß, angeschlagen durch den „Sklarek“-Skandal, schied Ende Oktober aus „Gesundheitsgründen“ aus dem Senat aus. Sein Stellvertreter Arthur Scholtz von der DVP übernahm die Aufgabe bis zum 14. April 1932. An dem Tag wählt die Stadtverordnetenversammlung das DNVP-Mitglied Dr. Heinrich Sahm zum neuen OB. Doch das war noch nicht genügend Rechtsruck. Als am 30. Januar 1933 Hitler die Macht übertragen bekommen hatte, bemühte sich Sahm, die Hakenkreuzfahne auf dem Roten Rathaus zu hissen. Wagner protestierte, woraufhin Joseph Goebbels, der Berliner Statthalter der NSDAP, Wagner im Parteiblatt „Angriff“ als eine „Wanze“, die „zerquetscht werden“ müsse, bezeichnete. Wagner aber ließ mit seiner Oppositionshaltung nicht nach. Mitte Februar 1933 sollten Käthe Kollwitz und Heinrich Mann wegen ihrer offenen Opposition zu NSDAP – sie hatten mit vielen anderen Künstler im Juni 1932 zur Wahl demokratischer Parteien aufgerufen – aus der Akademie der Künste ausgeschlossen werden. Wagner stimmte - als Einziger – dagegen. Als die NSDAP dann nach dem Reichstagsbrand und den Wahlen am 5. März 1933 ihre Macht kaum behindert ausdehenen konnte, wurde Wagner aus der Akademie ausgeschlossen und am 14. März von dem mittlerweile der NSDAP beigetretenen OB Sahm als Stadtrat beurlaubt und einen Monat später im April ohne Bezüge entlassen. Das notwendig Material dazu hatten seine Sekretärin und sein Fahrer, die plötzlich ergebene Nazis waren, wie sein Sohn Bernhard schrieb, geliefert.

Doch es gab noch immer Gruppierungen, die nicht ganz auf Linie gebracht worden waren. Im Juni 1933 wurde der Werkbund, eine Vereinigung von Künstlern mehrere Fachrichtungen, aufgefordert, den Vorstand „judenfrei“ zu machen. Wagner hält daraufhin eine weitere Zugehörigkeit zum Werkbund nur dann für möglich, wenn „der sogenannte Paragraph über den Arianismus“ nicht für den Werkbund gelte. Der Geschäftsführer des Werkbundes, Theodor Heuss, war allerdings anderer Meinung und befürwortete diese Aktion wie schon zwei Monate zuvor das Ermächtigungsgesetz. Wagner hingegen verurteilte diesen Schritt und kam seinem Ausschluss durch Austritt zuvor. Mit ihm verließ Walter Gropius den Werkbund.

Die Entlassung aus dem öffentlichen Dienst und der Ausschluss sowohl aus der Akademie wie dem Werkbund war verbunden mit einem Publikationsverbot, sodass ihm auch diese Einkunftsquelle unzugänglich wurde. Er musste sein Haus im Eichkamp verkaufen. Der „Berliner City-Ausschuss“, der 1926 als regelmäßiger Stammtisch vom Berliner Verein der Kaufleute und Industriellen und dem Werkbund ins Leben gerufen worden war, bildete nur noch kurzzeitig eine Gesprächsmöglichkeit. Immerhin blieb er mit dem spiritus rector diese Kreises, dem Schweizer Martin Mächler , weiterhin verbunden. Mächler, auch Chefredakteur der „Deutschen Bauzeitung“ und durch seine Schweizer Staatsbürgerschaft zunächst (bis 1935) geschützt, bot ihm eine wenn auch geringe Verdienstmöglichkeit, indem er ihm unter dem Mädchennamen seiner Frau (Sandow) Raum für einige Artikel u.a. für seine Vision einer Großstadt, also Berlins, in seiner Zeitschrift zur Verfügung stellte. „Die Sanierung der Berliner City“ erschien als letzte Publikation in Deutschland im März 1934.

Dass Deutsche Reich hatte auch nach 1933 großes Interesse am Zugang zu den Ölfeldern im Orient. Zwar hatte die Bagdadbahn wegen des verlorenen 1. Weltkrieges nicht wie geplant vollendet werden können. Doch blieb das Interesse an guten Beziehungen zur Türkei erhalten. So beteiligten sich deutsche Wissenschaftler nach wie vor mit Erlaubnis der neuen Reichsregierung an Wettbewerben, die die neue Regierung in Ankara ausschrieb. Einen dieser Wettbewerbe gewann 1934 Hans Poelzig. Aus der Türkei zurückgekehrt, konnte er Martin Wagner ein Stellenangebot als Berater und schließlich als Leiter des gesamten Städtebaus in der neuen Verwaltung Atatürks übermitteln. Wagner nahm an und übersiedelte bereits Anfang 1935. Im Oktober 1935 folgten ihm sein Frau und sein Sohn Bernhard und seine jüngere Tochter Sabine.

Die Tätigkeit befriedigte ihn aber nicht, weil er faktisch „Alleinkämpfer“ war, mit einem nur gering ausgestatteten Büro und wenigen türkischen Fachkräften. Die notwendigen Ausbildungsstätten für solche Fachkräfte waren noch im Aufbau. Wagners Stellung aber war einflussreich genug, um im Sommer 1936 Bruno Taut, der 1933 Exil in Japan gefunden hatte, nach Istanbul holen zu können.

Für Wagner hatte sich in den USA Walter Gropius eingesetzt, so dass er bereits im Dezember 1937 als Professor für Städtebau an die Harvard-Universität berufen wurde. 1944 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft, 1945 wurde er zum Mitglied er American Academy of Arts and Sciences gewählt. 1950 erreichte er die Altersgrenze und beendete seine Lehrtätigkeit.

Wagner war durchaus an einer Rückkehr nach Deutschland interessiert. Doch mit Hilfe der Bundestagsmehrheiten der Jahre 1949 bis 1953 hatten sich die „alten Kämpfer“ wieder in den Verwaltungen festsetzen können. Die nach 1945 von den Besatzungsmächten eingesetzten „Unbelasteten“ waren nach und nach von den „erfahrenen Fachleuten“, aus der Zeit vor 1945 wieder ersetzt worden, nachdem Letztere die „Entnazifizierungsverfahren“ überwiegend problemlos durchlaufen hatten. An aus dem Exil Heimkehrenden war man weitgehend nicht interessiert. Beispielhaft für die damalige politische Einstellung in den Universitäten war die Haltung der Architekturfakultät der TU Berlin gegenüber dem Vorschlag Hans Scharouns, der nach seiner kurzen Amtszeit als Berliner Stadtbaurat seit 1947 Professor an der TU Berlin war. Er bemühte sich darum, Wagner die Ehrendoktorwürde der TU verleihen zu lassen. Solche Ehrungen verlangten die Zustimmung der damals noch allein stimmberechtigten Professoren der Fakultät. An deutschen Universitäten lehrten 1945 Hochschullehrer, von denen mehr als 60 Prozent nach 1933 berufen worden waren. Und die anderen waren zumeist nicht als Widerständler aufgefallen. Das schloss die Rückkehr von Personen, die nach 1933 entlassen worden waren, nahezu vollständig aus, falls nicht eine Landesregierung oder Besatzungsmacht eingriff. Doch das geschah nur selten. So gelang es Ernst Reuter 1952, den Juristen Eduard Hirsch von der Universität Ankara an die FU Berlin zu holen oder Georg-August Zinn, Wolfgang Abendroth gegen den Widerstand der Juristischen Fakultät als Politikprofessor in der Philosophischen Fakultät der Universität Marburg durchzusetzen.

Gegen Wagner sprach aber nicht nur seine US-Erfahrungen, sondern auch das Gerücht, er wolle Berlin plattmachen und als Dorf in der Lüneburger Heide wieder aufbauen. Auch gegen Varianten dieses Plans für die Innenstadt von Berlin richteten sich Wissenschaft und Politik. Nur bei einem möglichst getreuen „Wiederaufbau“ war garantiert, dass man seine ehemaligen Besitzungen wieder bekam. Jede Neuplanung des zerstörten Innenstadtbereichs wäre logischerweise mit einer andersartigen Verteilung und Nutzung von Grund und Boden verbunden. Wagner schrieb an seinen Kollegen aus der Zeit des Baus der Waldsiedlung, Hugo Häring: „Mir wird wirklich übel, wenn ich meine Kollegen vom Städtebau nur in der Realität ihrer Trümmer und Parzellen herumkriechen sehe und mit der Nase im Dreck des Tages.“ Die Wohnungsbauten der 50er Jahre bezeichnete er gegenüber Hering als „ kleiner, teurer und geringwertiger als die der 20er Jahre.“

Endgültig verscherzte er es sich mit seinen ehemaligen Landsleuten durch seine Kritik an der Internationalen Bauausstellung im Berliner Tiergarten 1957. Als Ost-Berlin die Stalinallee Anfang der 1950er Jahre mit „kommunistischen“ Prachtbauten versah, wollte man 1953 eine westliche Alternative präsentieren mit einer Bauaustellung, „die“, so der Regierende Bürgermeiste Otto Suhr bei der Eröffnung am 6. Juli 1957, „intensiv in den Osten ausstrahlen und die Leistungen der westlichen Welt beweisen werde“.

Das Ergebnis entsprach durchaus nicht Wagners Vorstellungen von sozialpolitisch veranwortungsbewusstem Städtebau. Ihm, dem es sein Leben lang um menschenwürdige Wohnungen für jederman ging, stellte angesichts des Aufwands für die Interbau die Frage: „Müsste eine Bauausstellung den Berlinern, den Deutschen und dem Ausland nicht zeigen, wie man um 100 Prozent billiger und besser anstatt um 200 Prozent teuerer und schlechter bauen kann?“ Doch man griff nicht seine Prozentrechnung an. Ein Verteidiger des damaligen Bausenators gab vielmehr die Antwort: „Gutes Bauen kostet gutes Geld.“ Das neue Hansaviertel sollte das westliche Gegenstück zu den Wohnungen und Geschäften der Stalinallee sein. Tatsächlich gauckelte es den Berliner Wohnungssuchenden vor, schon bald könne die Mehrheit so oder ähnlich wohnen. Wagner, der ohnehin Architekten – mit Ausnahme von Bruno Taut – skeptisch gegenüber gesinnt war, weil er vemutete, sie würden weniger an die späteren Bewohner denken als vielmehr daran, sich ein Denkmal zu setzen, sah dies bei der Interbau - nicht ganz zu unrecht – eingetreten: ein Wettbewerb der Eitelkeiten. Denn mit den einzelnen Hochhäusern profilierten sich einzelne Architekten.

Die Kritik an der Interbau fasste er unter dem Titel „Potemkin in Westberlin“ zusammen. Diese kleine Schrift begann er mit einem Blick in die Zukunft und einer makabren Ablehnung von Hochhäusern:

„Im Jahre 3000 fragt der Kaiser von Manhattan seinen Archäologen, warum denn seine Vorfahren in New York so Hohe Häuser gebaut hätten. Die Antwort: Sie wollten sich angesichts solcher Vorgabe das Leben nehmen und sicher sein, dass der Kopf sehr hart auf das Pflaster schlage."

Im Begriff, die Auseinandersetzung mit seinen Gegnern an Ort und Stelle führen zu wollen und mit dem Flugticket in der Tasche, ging sein „kämpferisches Dasein“, so Walter Gropius, noch vor dem Abflug der Maschine aus New York 1957 zu Ende.

Dass ihm in Berlin keine Träne nachgeweint wurde, seiner nicht einmal in einem Nachruf der Stadt gedacht wurde, war schon traurig. Aber es kam noch dicker: Der damalige Bundespräsident Theodor Heuß, der Wagner u.a. schon aus Werkbundzeiten 1932/33 kannte, fand eine besondere Form der Würdigung anlässlich der Eröffnung der Interbau: „Wir wollen uns in diesen Stunden nicht verstimmen lassen durch das ungerecht höhnende Wort eines Mannes, den leider eigene Verstimmtheit immer an der Entfaltung der in ihm angelegten starken Begabung gehemmt hat.“

Solche Formulierungen muss man erst mal angesichts des soeben Verstorbenen finden.

Es sollte uns heute zumindest bewusst sein, dass das Weltkulturerbe der Berliner Moderne auch auf der Zusammenarbeit von Taut UND Wagner beruht.