In der Aula der Zinnowwaldschule kamen am 7. April 1946 rund 500 Delegierte zum Bezirksparteitag der „alten“ Berliner SPD zusammen. Für sie war es ein zweiter Anfang – nachdem sich genau eine Woche zuvor die (West-)Berliner Mitglieder der SPD in einer Urabstimmung gegen die von KPD und sowjetischer Militäradministration geforderte Vereinigung von KPD und SPD ausgesprochen hatten. Die Fusionsgegner hielten den Anspruch der SPD auf Eigenständigkeit aufrecht. Der Parteitag in der Zinnowwaldschule war Symbol des Kampfes der Berliner Sozialdemokratie für Freiheit und Unabhängigkeit.

Das Zusammengehen von Sozialdemokraten und Kommunisten hatte Mitglieder beider Parteien seit dem Aufstieg der NSDAP, also seit 1930 beschäftigt. Es hatte immer wieder Versuche gegeben sowohl vom kommunistischer Seite – dafür stand die KPD(O) – als auch von sozialdemokratischer Seite – dafür stand die SAP, der in Lübeck auch Willy Brandt als junger Mann nahestand – den Streit zu beenden.

Die Kommunisten mussten auf Grund stalinistischer Vorgaben in den ersten Jahren der Nazi-Regierung der sog. „Sozialfaschismus“-These und dem Spruch: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten“ folgen. Im Widerstand gegen Hitler hatten einige aber wieder zueinander gefunden. Und der verlorene Krieg legte ein Zusammengehen nahe. Auch Gustav Dahrendorf war z.B. anfangs für eine enges Zusammengehen und formulierte noch Mitte 1945 an einem antifaschistischen Programm für beide Parteien in Berlin mit.

Doch gerade in Berlin hatte sich innerhalb weniger Monate gezeigt, dass die Kommunisten nicht auf Zusammenarbeit, sondern Übernahme aus waren und auch vor Attentaten auf sozialdemokratische Gegner der Vereinigung nicht zurückschreckten. Deshalb war in der SPD West-Berlins die Abstimmung über die Vereinigung – in Ost-Berlin hatte es eine solche Abstimmung nicht geben können – mit 82 % Gegenstimmen ausgegangen.

Über die Stimmung in der Partei gibt ein Brief von Paul Löbe an den Parteitag in der Zinnowwald-Schule deutlich Auskunft:

Werte Genossen

Ich möchte die Hoffnung immer noch nicht aufgeben, dass die grenzenlose Zersplitterung unserer Reihen vermieden wird, die uns gegenwärtig droht.

Wie jeder von uns habe auch ich in den letzten Monaten um der Partei willen die schwersten inneren Kämpfe durchlebt. Keiner, der sich nicht für Beendigung des Bruderkrieges in der Arbeiterschaft eingesetzt hätte – ich selbst habe es in zahlreichen Versammlungen getan.

Nun flammt statt dessen ein neuer Bruderkrieg auf. Als Genosse Schumacher sich vom Zentralausschuss verabschiedete gaben beide Teile die Versicherung ab: was auch kommen möge, und wenn unser Weg uns auseinanderführt, wir wollen nie vergessen, dass wir beide Kinder einer Mutter, der Sozialdemokratischen Partei sind und uns demgemäss verhalten. Was ist daraus geworden? Nach den bereits vorher von gewisser Seite erfolgten Angriffen auf die Genossen Severing, Leipart, Noske, Ebert, Stampfer, Löbe, folgen jetzt niedrige persönliche Schmähungen gegen Schumacher, den der offene Brief, unterzeichnet von Max Fechner, noch durchaus kameradschaftlich als Genossen angesprochen und behandelt hatte, persönliche Schmähungen gegen die Genossen Swolinzky und Dahrendorf – alles erst von dem Augenblick an, in dem sie sich sachlich zu einer anderen Auffassung bekannt hatten. Wer wird der nächste sein? Darin allerdings kann ich einen Weg zur Einigung nicht sehen, das muss neue Wunden schlagen und Klüfte aufreissen.

Solange es aber denkbar ist, möchte ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass auf diesem verhängnisvollen Wege Einhalt geboten wird und dass auch für die Sozialdemokraten, die sich heute befehden, ein Tag der Versöhnung kommt. Tragt Ihr durch Eure Verhandlungen dazu bei, dass diese Möglichkeit nicht verhindert wird.

Mit sozialdemokratischem Gruss Paul Löbe.

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