Christoph Ehmann:  Vortrag in der Taut-Galerie am 22. Februar 2019

Die BVVSteglitz-Zehlendorf fasste in ihrer 11. Sitzung am 19.07.2017 folgenden Beschluss:

Das Bezirksamt wird ersucht, an der Ecke Quermatenweg / Ithweg eine Informationsstele aufzustellen, die Auskunft gibt über die Entführung des damaligen Landesvorsitzenden sowie Spitzenkandidaten der Berliner CDU Peter Lorenz. Zuvorderst soll die Stele über die Person Peter Lorenz und den Tathergang informieren. Ferner soll das Verbrechen in einen breiteren historischen Kontext des Linksterrorismus in der Berliner Nachkriegsgeschichte gesetzt werden, hierbei sollen neuere Erkenntnisse nicht ausgespart werden.

Es geschah am 27. Februar 1975

Am Donnerstag, den 27. Februar 1975 morgens um 8:55 Uhr wurde der CDU-Landesvorsitzende und Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahlen am 2. März, Peter Lorenz, auf der Fahrt ins Abgeordnetenhaus im Berliner Quermatenweg durch einen aus dem Ithweg kommenden Klein-LKW gestoppt und von hinten durch einen Fiat gerammt. Der Fahrer Werner Sowa wurde beim Verlassen des Wagens niedergeschlagen, Peter Lorenz trotz heftiger Gegenwehr durch drei junge Männer der „Bewegung 2. Juni“ entführt. Die „Bewegung 2. Juni“, gemeinhin der 2. Generation der RAF zugerechnet, hatte sich darauf konzentriert, „ihre“ Gefangenen zu befreien, davon gab es 1975 bereits über 40, und dafür Leute von der „Gegenseite“ gefangen zu setzen. So verbrachte Peter Lorenz die folgenden 5 1/2 Tage in einem „Volksgefängnis“, zwei fensterlosen Kellerräumen in der Kreuzberger Schenkendorfstr. 7.

Die Entführer verlangten zunächst zwei in Berlin einsitzende, wenig bekannte Freunde freizulassen, was auch umgehend geschah. Wichtiger aber war ihnen, dass im Austausch gegen Peter Lorenz sechs Gefangene aus ihrem Sympathisantenkreis in ein dem Flugkapitän erst während des Fluges mitzuteilendes Land ausgeflogen würden. Ihm würde, am Ziel angekommen, ein Code mitgeteilt, der über das Radio auszustrahlen sei und zur Freilassung von Peter Lorenz führen werde. Den Freigepressten seien zudem 120.000 DM „Reisegeld“ zu übergeben. Heinrich Albertz, ehemals Berlins Regierender Bürgermeister, mittlerweile Pfarrer in Schlachtensee, sollte sie, ausdrücklich nicht als Geisel, begleiten.

Horst Mahler lehnte jedoch den Mitflug ab. Die anderen Fünf verliessen nach mehreren, der Verwirrung der Sicherheitsbehörden dienenden Zwischenstopps, die Lufthansa-Maschine in Aden im Südjemen. Dort wurde ihnen, auf nachdrückliches Bitten der Bundesregierung, die zum Südjemen keine diplomatischen Beziehungen unterhielt, kurzzeitig Asyl gewährt.

Nach der Durchgabe des Codes, – „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ – kam Peter Lorenz am 4. März frei.

Die Lufthansa- Maschine mit Heinrich Albertz kehrte nach Deutschland zurück.

Das „Volksgefängnis“ wurde von der Berliner Polizei acht Monate später entdeckt.

Vier der fünf Freigepressten – Verena Becker, Rolf Heißler, Gabriele Köcher-Tiedemann und Rolf Pohle – wurden zwischen 1976 und 1979 erneut verhaftet. Ingrid Siepmann wird seit 1982 im Libanon vermisst.

Ich werde auf diese Fünf noch zurückkommen, ebenso wie auf die Täter Ronald Fritzsch, Gerald Klöpper, Till Meyer, Ralf Reinders und Andreas Vogel sowie Gabriele Rollnick.

Heinrich Albertz blieb bis zum Erreichen der Altersgrenze 1979 Pfarrer in Schlachtensee und zog dann mit seiner Frau nach Bremen. In den folgenden Jahren beteiligte er sich aktiv in der Friedensbewegung. Er starb am 19. Mai 1993, sechs Jahre nach Peter Lorenz, dem im folgenden das Hauptaugenmerk gilt.

Warum wurde Peter Lorenz entführt?

Ein kurzer Blick zurück:

Am 2. April 1968 wurden durch Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Thorwald Proll zwei Frankfurter Kaufhäuser als Protest gegen den Vietnam-Krieg, der sich zunehmend gegen die vietnamesische Zivilbevölkerung richtete, in Brand gesteckt. Der Sachschaden blieb überschaubar, die Drei wurden am nächsten Tag verhaftet und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, blieben aber in Freiheit. Als die Revision gegen das Urteil vom Bundesgerichtshof ein Jahr später verworfen wurde, flohen die Verurteilten zunächst nach Frankreich und Italien. Baader wurde bereits am 4. April 1970 in Berlin verhaftet, jedoch sechs Wochen später, am 14. Mai 1970 mit Waffengewalt befreit, wobei ein Bibliotheksangestellter schwer verletzt wurde.

Dieser Tag gilt als Gründungsdatum der RAF.

Zur RAF rechneten sich in den Folgejahren junge Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft: Einige kamen aus der Lehrlingsbewegung, andere waren früher Fürsorgezöglinge oder Angehörige des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg. Es gab auch Studenten und Studentinnen unter ihnen.

In den Folgejahren betätigten sich Angehörige der RAF und ihre Untergruppen vor allem bei Banküberfällen, um das Überleben in der Illegalität zu finanzieren, sowie bei Sprengstoffangriffen – es ging vor allem um Vietnam – auf US-amerikanische Einrichtungen und Personen. Da diese kriminellen Aktivitäten fast immer mit Verletzten und Toten einhergingen, wurden ab 1972 die polizeilichen Anstrengungen bei der Verfolgung der Straftäter – und -täterinnen – sowie der in Verdacht Geratenen erheblich verstärkt. Nach dem ab Februar 1972 exzessiv angewandten „Radikalenerlass“ galt als verdächtig jeder, der seit 1968 zu einer Demonstration der Linken aufgerufen oder ein Flugblatt mit einem Zitat von Marx unterschrieben hatte oder einen kannte, der so etwas getan hatte.

Wie so etwas aussehen konnte, will ich an einem Beispiel erläutern: Ende August 1972, meine Frau war Referendarin am Nikolaus-Cusanus-Gymnasium in Bonn-Bad Godesberg, erhielt sie einen Anruf, von einem Kommissar Ehmann vom Bundeskriminalamt, sie möge doch umgehend aufs Bonner Kommissariat kommen. Es läge eine Anzeige gegen sie vor. Nachdem sie erschienen war, holte der Kommissar ein etwa eineinhalb Meter langes Fernschreiben hervor, das zunächst alle denkbaren persönlichen Daten enthielt: über ihren letzten Arbeitsplatz an der Universität Marburg und ihre Ehe mit dem Studentenfunktionär Ehmann, aber auch andere Familiendaten. Das anonyme Schreiben endete mit dem Hinweis, dass sie am 24. Mai 1972 auf dem Parkplatz vorm Casino der US-Armee in Heidelberg gesehen worden sei und zwar kurz bevor dort zwei Autobomben detonierten, durch die drei US-Soldaten getötet und fünf weitere verletzt worden waren. Sie wies die Verdächtigung mit dem Hinweis zurück, sie habe am Morgen des 24. von 8 – 9 Uhr eine Unterrichtsstunde unter Aufsicht ihrer Englisch-Mentorin halten müssen und sei am Nachmittag ab 16 Uhr im Studienseminar gewesen. Der Kommissar hielt hingegen den Zeitraum von 7 Stunden für ausreichend, um mit dem Auto von Bonn an den Tatort und zurück zu fahren. Um ihre Angaben zu überprüfen, erschienen am folgenden Tag drei Polizisten in der Schule und zwar im Lehrerzimmer. Sie überprüften das Klassenbuch, die Mentorin wurde zwecks Befragung aus einer Abiturnachprüfung geholt. Da sie in der 2. Hälfte der 60er Jahre in Marburg studiert hatte, war ihr der Name Ehmann geläufig. Ich war dort zwischen 1966 und 1968 ASTA-Vorsitzender bzw. stellv. ASTA-Vorsitzender. Sie bestätigte die Angaben. Eine Einschaltung des Direktors konnte so vermieden werden. Zum Glück. Er hatte meine Frau, als sie ihr Referendariat antrat, mit den Worten begrüßt: „Sind sie etwa die Frau von DEM Ehmann?“ Er hätte ohne Zweifel einen entsprechenden Vermerk über den Polizeibesuch in die Akten aufgenommen. Eine baldige Anstellung als Lehrerin wäre in den Bereich der Utopie gerückt.

Eine Mitteilung über die Einstellung der Ermittlungen erfolgte übrigens bis heute nicht.

Erfolge der bald europaweiten Fahndung nach RAF-Angehörigen blieben nicht aus. Dabei kam es zu Schusswechseln auf beiden Seiten. Bis Mitte 1972 war die Zahl der durch Attentate und Schusswechsel Getöteten auf mindestens 12 gestiegen, drei Polizisten und 4 us-amerikanische Soldaten durch die RAF sowie 2 RAF-Angehörige, der Lehrling Richard Epple, der britischer Handelsvertreter Ian McLeod und der Taxifahrer Günther Jendrian durch die Polizei. Die drei Letztgenannten waren Unbeteiligte, nach heutigem Sprachgebrauch: Kollateralschäden.

Heute ist kaum vorstellbar, welche Stimmungslage in Teilen der politischen Linken gegenüber dem bewaffneten Kampf vorherrschte. Der Radikalenerlass, der Hunderte Studenten und Studentinnen sowie junge Akademiker ebenso traf wie kommunistische Lokomotivführer oder Postboten ,– aber kaum einen Rechtsradikalen, die der Erlass rein theoretisch auch treffen sollte , – schuf jene Sympathien, die auch gewaltbereite Stadtguerillas anfänglich bei jenen aus der ehemaligen Studentenbewegung fanden, die selbst längst zu einer friedlichen Veränderung der Republik entschlossen waren.

So brachte der Tod des RAF-Mitglieds Holger Meins infolge eines Hungerstreiks am 9. November 1974 in Dutzenden deutscher Städte Zehntausende zum Protest auf die Straße. Die als unmenschlich geltenden Haftbedingungen symbolisierten für viele den „faschistoiden Charakter“ der Bundesrepublik. So verteilten z.B. nach der Lorenz-Freilassung etwa 120 Helfer überall in Berlin die in einer Auflage von 30 000 Stück gedruckte Rechtfertigungserklärung der „Bewegung 2. Juni“. „Das war für die Polizei ein Schock“, freute sich noch Jahre später Ralf Reinders, einer der Entführer und Lorenz-Bewacher.

Der Tod von Holger Meins hatte die Pläne der späteren Entführer allerdings kräftig durcheinander gebracht. Zum ersten Opfer hatte die „Bewegung 2. Juni“ einen Kapitalisten, den Besitzer des Europa-Centers, Karl-Heinz Pepper, ausersehen. Seine Entführung war für Weihnachten 1974 unter dem Codewort „Sergeant“, in Anspielung auf das Beatles-Album „Sergeant Pepper“ geplant. Spass muss sein – wie auch die Verteilung von Schokoküssen bei einigen Banküberfällen. Von ihm hätte man vor allem Geld erpressen können.

Nun sollte auf den Tod des RAF-Mitglied Holger Meins eine direkte Aktion gegen einen Vertreter der Justiz erfolgen. So kam es zum unvorbereiteten Versuch der Entführung des Berliner Kammergerichtspräsident Günter von Drenkmann. Der Versuch missglückte. Drenkmann wurde in seiner Wohnung erschossen. Nach dem Fehlschlag verzichtete man auf die Pepper-Entführung.

Stattdessen verfiel man auf Lorenz. Ihm wurden angesichts der schwachen SPD nach den Wahlen vom 2. März 1975 reale Chancen eingeräumt, der nächste Regierende Bürgermeister zu werden. Damit veränderte sich aber auch der Zweck der Entführung: Millionen waren von Lorenz nicht zu erpressen. So ließ man sich eine politische Argumentation einfallen, in die man alles reingestopft hatte, was so en vogue war. In der Mitteilung 1 nach der Entführung las sich das so:

„Lorenz ist von uns entführt worden, weil er als Vertreter der Reaktionäre und Bonzen verantwortlich ist für Akkordhetze und Bespitzelung am Arbeitsplatz, für den Aufbau von Werkschutz und Antiguerillagruppen, für Berufsverbote, das neue Demonstrationsrecht, Verteidigereinschränkung und für die Aufrechterhaltung des diskriminierenden § 218.

Als CDU-Chef hat er sich zum Propagandisten des Zionismus, der aggressiven Eroberungspolitik des Staates Israel in Palästina gemacht, und nimmt durch Besuche in Israel und Geldspenden an der Verfolgung und Unterdrückung des palästinensischen Volkes teil.

Genauso hat er blutigen Anteil am Militärputsch durch Pinochet und Konsorten in Chile. Seine Partei ist es, die die Junta durch Geldspenden die Repression durchführen lässt, die jede freiheitliche Gesinnung erbarmungslos verfolgt und blutig niederschlägt, Tausende von Chilenen in KZ’s foltert und ihre Macht durch täglich Blutbäder aufrechterhält.“

Die Entführer versicherten, dass Peter Lorenz „nicht gefoltert oder unmenschlich behandelt“ werde, es werde ihm „besser gehen als den Häftlingen in den Staatsknästen“.

Nach jeder Entführung stehen die Sicherheitskräfte vor der Frage:

Hart bleiben oder nachgeben

Entführungen waren 1975 noch – relativ – leicht. Als ausreichende Sicherung galt, wenn mögliche Zielpersonen immer wieder die Fahrtwege zwischen Wohnung und Dienststelle wechselten. Polizeischutz gab es auf Landesebene nur für Regierungschefs und Polizeiminister. Manche fühlten sich dadurch unterbewertet. Ich habe das später während meiner Tätigkeit in Schwerin erlebt, dass Minister, konkret meine Ministerin, es als persönliche ‚Geringschätzung‘ betrachtete, dass sie keinen Wachschutz vor ihr Haus gestellt bekam. Obwohl sie doch auch von Kommunisten möglicherweise bedroht hätte werden können. Wurde sie aber nicht wirklich.

Peter Lorenz kannte dieses Verlangen nach Polizeischutz aus Eitelkeit. Das war mit ein Grund, warum er den angebotenen besonderen Personenschutz nicht in Anspruch nahm. Nun wurde er der erste Politiker, der in der Bundesrepublik entführt wurde – sieht man von jenen ab, die sich die Stasi in den 50ern geholt hatte.

Die Entführung traf die politische Öffentlichkeit denn auch völlig unvorbereitet. Der Abtransport von Lorenz ins „Volksgefängnis“ geschah in großer Offenheit. Am Dienstwagen war beim Kampf mit Peter Lorenz eine Scheibe zu Bruch gegangen, was beim Transport über den Hüttenweg ebensowenig auffiel wie der Transport des schwergewichtigen Opfers nach mehrfachem Fahrzeugwechsel und schließlich in einer Holzkiste in das Haus Schenkendorfstraße. Trotz der vor dem Haus schwätzenden Nachbarinnen gelang der Transport in den Keller des als Second-Hand-Laden getarnten Ladenlokals ohne Aufsehen.

24 Stunden später erschien das Foto des Gefangenen mit dem Pappschild: „Peter Lorenz – Gefangener der Bewegung 2. Juni“ weltweit. Dazu die geschilderten Bedingungen seiner Freilassung. Auf die Freipressung von inhaftierten Führungsfiguren wie Andreas Baader oder Gudrun Ensslin hatten die Entführer verzichtet, weil sie nicht glaubten, dass der Staat dazu bereit wäre.

Nun war Gefangenenfreipressung durch Geiselnahme für die Bundesrepublik nichts wirklich Neues.

  • Im September 1970 kaperte die PFLP, Popular Front for the Liberation of Palastine, die Volksbewegung zur Befreiung Palästinas, eine TWA-Maschine. In der Folge ließen die schweizerischen und deutschen Behörden 6 palästinensische Gefangene frei.
  • Im April 1972 kaperte die PFLP einen Jumbo-Jet auf dem Flug von Kairo nach Frankfurt und zwang ihn zur Landung in Aden. Die Bundesregierung bezahlte 5 Millionen US-Dollar Lösegeld für Passagiere, Besatzung und Flugzeug.
  • Im Oktober 1972 kaperte wiederum die PFLP eine Lufthansa-Maschine mit 13 Passagieren und 7 Besatzungsmitgliedern. Im Austausch wurden die drei überlebenden Attentäter von München freigelassen. Dies stieß auf heftige Kritik vor allem aus Israel.

Es gab noch eine Entführung im November 1972, bei der ebenfalls Lösegeld gezahlt wurde. Danach endeten alle Flugzeugentführungen mit mehreren Toten oder Pseudo-Verhaftungen der Entführer in arabischen Ländern.

Die Lorenz-Entführung war aber die erste Entführung eines prominenten deutschen Politikers. Da vier Bundesländer – Berlin, Hessen. Nordrhein-Westfalen und Bayern – sowie wegen möglicherweise notwendig werdender rascher Entscheidungen auch die Bundestagsfraktionen betroffen waren, lud Helmut Schmidt für den Abend des 28. Februar, nachdem sich am 27. bereits in Berlin Schütz und Kohl gesprochen hatten, die Ministerpräsidenten und Justizminister der betroffenen Länder sowie die Partei- und Fraktionsvorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien ein, um zu einer gemeinsamen Haltung zu kommen. Dass dies nicht einfach sein würde, war angesichts des damaligen politischen Klimas zu erwarten. Aber es wurde noch schlimmer.

Die Meinungsführerschaft lag bei folgenden Beteiligten:

– Helmut Schmidt, Willy Brandt und Hans-Jochen Vogel auf Seiten der SPD- Bundespartei.

– Klaus Schütz, Regierender Bürgermeister, Freund von Peter Lorenz seit Studienzeiten, für die SPD-Berlin.

– Helmut Kohl, CDU-Parteivorsitzender. Er hatte am Abend des 26. einen gemeinsamen Wahlkampfauftritt mit Peter Lorenz und danach noch länger mit ihm zusammen gesessen. Sie waren nicht nur „Parteifreunde“. Kohl hatte in Lorenz einen zuverlässigen Mitstreiter. Und er hatte, um Strauß im innerparteilichen Kampf um die nächste Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl 1976 nicht nachzustehen, mehrfach den Parteien der Koalition, insbesondere aber der SPD, vorgeworfen, die Gefahren des Terrorismus zu verharmlosen.

– Besonders wichtig aber war vor allem Helmut Schmidt die Einbindung von Franz-Josef Strauß selbst. Denn dieser hatte wenige Wochen zuvor am 18./19. November 1974 auf einer Klausurtagung der CSU-Fraktion in Ofterschwang bei Sonthofen die Sozialliberalen „der geistigen Mittäterschaft mit den Terroristen bezichtigt“ und gemutmaßt, in den Bonner Fraktionen der SPD und FDP sässen „ein ganzer Haufen“ von „Sympathisanten der Baader- Meinhof-Verbrecher“ .

Die Entführer hatten ein Ultimatum gestellt, dass am Tag nach der Berliner Wahl, am Montag, den 3. März um 10:00 Uhr ablief. Bis dahin sollten die Freigepressten und Heinrich Albertz abgeflogen sein.

Das „Gremium“ kam daher am Sonntag, den 2. März abends – die CDU in Berlin hatte bei der Wahl erstmals die meisten Stimmen erreicht – erneut zusammen.

Die Positionen waren seit dem ersten Treffen am 28. 2. klar: Willy Brandt, Hans-Jochen Vogel und Helmut Schmidt waren für den Versuch, das Ultimatum verstreichen zu lassen und Verhandlungen mit den Entführern aufzunehmen. Alle anderen, einschließlich Franz-Josef Strauß waren für die sofortige Erfüllung der Forderungen.

Angesichts der Mehrheiten und als Konsequenz der formalen Unzuständigkeit des Bundes für die Freilassung von Gefangenen aus Ländereinrichtungen kam es zum pünktlichen Ausfliegen der Gefangenen und schließlich zur Freilassung von Peter Lorenz.

Nun hatte man also einer Erpressung nachgegeben.

Grund genug für die Hauptbeteiligten, zunächst in einer Bundestagsdebatte – dort durch andere – und später in den Lebenserinnerungen oder gegenüber ihren Biografen die Differenzen erneut auszutragen. Denn insbesondere CDU/CSU-Mitglieder konnten sich nicht enthalten, auch weiterhin der sozialliberalen Koalition und ihrem Kanzler Neigungen zur Terroristenszene zu unterstellen.

Helmut Kohl schreibt in seinen Erinnerungen, dass er am 28. Februar abends auf dem Weg ins Kanzleramt Klaus Schütz traf. „Wir kannten uns recht gut von unseren Ministerpräsidententreffen und ich wusste, wie sehr sich Schütz und Lorenz trotz aller parteipolitischen Meinungsunterschiede schätzten….. „Wir müssen den Peter rausholen“, darin waren wir uns einig, als wir in die Sitzung des Krisenstabes gingen.“ (Kohl S.359)

Hans-Peter Schwarz, der viele Wochen und Monate mit Helmut Kohl an einer umfassenden Biografie gearbeitet hatte, – bevor er sich mit Kohl und dessen zweiter Gattin zerstritt –, schreibt über diese Tage Folgendes: „Kohl und Schütz sind nun fest entschlossen, Lorenz wie auch immer frei zu bekommen. Die Entführer verlangen die Freilassung und Ausreise von sechs inhaftierten Gesinnungsgenossen. Die Öffentlichkeit einschließlich der politischen Klasse ist noch weitgehend bereit, dieser Forderung nachzugeben.“ Und Schwarz kommentiert: „Harte Entscheidungen kalter Staatsräson müssen erst wieder gelernt werden.“(Schwarz 198).

Kohl wird sein nachgiebiges Verhalten später selbstkritisch beurteilen: „Der Staat war erpressbar geworden. Für mich und meine Freunde war das ebenso wie für unsere politischen Gegner ein unhaltbarer Zustand. Ein zweites Mal durfte der Rechtsstaat nicht nachgeben“. (Kohl 361)

Dass er und seine Freunde die Wortführer bei diesem Nachgeben waren, wird er aber beständig leugnen. Denn eigentlich hätte ja, den Verdächtigungen folgend, der Chef der sozialliberalen Koalition den Terroristen deren Wünsche erfüllen müssen. Sie standen sich ja, glaubte man den CSU-Äußerungen, zumindest ideologisch nahe.

Nun aber stellte sich das Gegenteil heraus: Helmut Schmidt betonte, dass er große Sorge um die Sicherheit des Staates habe, besonders was die Rückwirkungen auf die Polizei betraf, die ihre Aufspürung und Festsetzung der Terroristen, die z.T. unter Lebensgefahr erfolgt war, nun konterkariert sehen werde. Er bitte deshalb darum, einen ersten Schritt nicht als den endgültigen zu tun, oder klarer formuliert: Nicht sofort dem Gefangenenaustausch zuzustimmen, sondern Zeit für Verhandlungen zu gewinnen. Hans Jochen Vogel sprang ihm bei, „dass der Vorrang, das Leben von Lorenz zu erhalten, ein Präjudiz schaffe.“ Die Auslösung eines de-facto-Mechanismus lege man damit in die Hände der Terroristen. (Soell 649).

Vogel, Schmidt und Brandt betonten jedoch, dass die Entscheidung nicht beim Bund läge, sondern bei den Justizverwaltungen der Länder. Schmidt zeigte sich in allen drei Beratungsrunden des „Gremiums“ – so nannte man diese Zusammenkunft – gegenüber dem Auslieferungsverlangen als „abgelehnt gestimmt“ (Soell 650). Sein Biograf Soell zitiert ihn indirekt: „Anders als die öffentliche Meinung annehme, hätten andere Stellen als die Bundesregierung die Entscheidung zu treffen. Er würde die Entscheidung negativ zu beeinflussen suchen, wenn die Bundesregierung diese zu treffen hätte. Er sehe sich aber konfrontiert mit der überwiegenden Mehrheit des Berliner Senats, mit der einheitlichen Meinung des bayrischen Kabinetts, der CDU/CSU und Teilen der FDP. Bei dieser Güterabwägung halte er die Einheitlichkeit der politischen Führungsschichten für in hohem staatlichem Interesse. Er stelle sich deshalb einer empfehlenden Beschlussfassung nicht in den Weg. Die Frage bleibe, ob er seine eigene Güterabwägung hinter verschlossenen Türen halten könne. Dazu sei er geneigt. Er fühle sich aber durch öffentliche Äußerungen von Unionspolitikern beeinträchtigt.“ (Soell 650).

Strauß, sonst stets Föderalist, griff sofort an: Es gehe darum, wer in der Bundesrepublik regiere. Schmidt solle also gefälligst die Verantwortung übernehmen. Wenn er dies nicht tue, könne er dies nur als „politisch-moralische Drückebergerei“ bezeichnen. (a.a.O.) Der Gedankengang war klar: CDU und CSU hatten der SPD und FDP seit dem Regierungswechsel 1969 vorgeworfen, sowohl gegen die Radikalen im Öffentlichen Dienst als auch gegen die Terroristen zu lasch agiert zu haben. Ein Nachgeben in der Lorenz-Entführung würde dazu passen. Strauß musste also Schmidt in eine Verantwortung drängen, die dieser nicht hatte. Schmidt antwortete denn auch: „Wenn Sie meinen, Sie könnten uns die Schuld zuschieben“ – dass der Terror nun fortgesetzt werde, weil die SPD wegen ihrer angeblichen Nähe zu den RAF-Terroristen den Entführern nachgegeben habe – „dann werde ich öffentlich sagen, wie es zu dieser Freipressung gekommen ist.“ (Soell S. 1025)

Loki Schmidt hat später mehrfach berichtet: Er lag seit etlichen Tagen wegen einer Virusattacke mit einer Fiebertemperatur von über 39° im Bett. Sein Arzt half ihm, mit etlichen Spritzen auf die Beine zu kommen. Sein Gesundheitszustand blieb den meisten Teilnehmern des Gremiums verborgen.(Soell 648) Und sie fügte hinzu: Er habe sein Nachgeben darauf zurückgeführt, dass er nicht genügend Energie gehabt habe, um dagegen zu halten.

Klar, dass Helmut Kohl dem SPD-Kanzler nicht den Ruf gönnen konnte, in dieser Causa konsequent staatstreu gehandelt zu haben und nicht wie er zugunsten eines alten Parteifreundes. In seinen Erinnerungen, 2004 erschienen, schreibt er: „Helmut Schmidt hielt sich lange Zeit bedeckt. Welche Einstellung er tatsächlich hatte, war in diesem Moment nicht zu erkennen.“ – obwohl Schmidt, Brandt und Vogel sich bereits während der ersten Zusammenkunft des „Gremiums“ klar geäußert und Strauß sie deswegen angegriffen hatte. Und weiter: „Wenn heute aus Helmut Schmidts nächster Umgebung verlautet, der Kanzler sei damals krank gewesen, habe unter hohem Fieber gelitten und deshalb nicht darauf bestanden, im Falle der Erpressung nicht nachzugeben, ist dies eine im Nachhinein zurechtgezimmerte Legende“.(Kohl , 360)

Nun fand acht Tage später, am 13. März, im Bundestag eine heftige Debatte statt, in der der soeben in den CDU/CSU-Fraktionsvorstand gewählte Alfred Dregger noch ganz anders als später Kohl redete: „Lassen Sie mich zu Beginn im Namen der Opposition dem Herrn Bundeskanzler unseren Glückwunsch zu seiner Gesundung nach schwerer Krankheit sagen. Wir hoffen, Herr Bundeskanzler, daß Ihnen die Kräfte zur Verfügung stehen, die Sie für Ihr schweres Amt in den kommenden Monaten benötigen.“ (7./155.Sitzung) Bei Dregger kann dies auch lupenreiner Sarkasmus gewesen sein; aber vielleicht ausnahmsweise auch mal nicht.

Diese Höflichkeit hielt nur zwei Sätze an. Unmittelbar darauf bezichtigte er Schmidt der Mittäterschaft durch Unterlassung:

Innere Sicherheit, das ist nicht nur eine Frage der Macht und ihres Einsatzes; innere Sicherheit hat vor allem auch eine geistige, eine moralische und eine politische Dimension. Sie verlangt geistige und politische Führung. Wenn Sie, Herr Bundeskanzler, diese Aufgabe nicht wahrnehmen, dann können auch Polizei, Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst und Justiz ihre Aufgaben nicht wirksam erfüllen.“ Ähnlich hatte Strauß im „Gremium“ argumentiert.

Auch Ministerpräsident Filbinger sah in der Lorenz-Entführung einen Zusammenhang mit der von Freien Demokraten und Sozialdemokraten zu verantwortenden politischen Entwicklung seit 1969. Als dies in einer Rede erwähnt wurde, rief der CDU-Abgeordnete Dr. Marx dazwischen: „Da hat er sehr recht gehabt!“ Und der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion Rawe bereicherte die Kritik an der SPD/FDP-Regierung mit dem Zwischenruf: „Das ist die Saat, die Sie gesät haben!“

Der Kommentar der „Süddeutschen Zeitung“ dazu:

Wer den politischen Gegner im demokratischen Meinungskampf in den Geruch des Mittäters am Terrorismus bringt, der manövriert sich selbst in den Dunstkreis der Antidemokraten.“

Heute wissen wir, dass die CDU/CSU zu keinem Zeitpunkt darauf verzichtet hat, die SPD als Ganze oder einzelne ihrer Mitglieder der Sympathie für den Terrorismus und für Radikale zu verdächtigen. Lokale CDU-Matadore wie der Vorsitzende der CDU-Fraktion in der Zehlendorfer BVV, Thorsten Hippe, profilieren sich noch heute mit solcher – übler – Nachrede: Als es 2016 um die Wahl der ehemaligen Juso-Vorsitzenden und heutigen Rechtsanwältin Franziska Drohsel zur Bezirksstadträtin ging, warf ihr Hippe die zeitweise Mitgliedschaft in dem Rechtshilfeverein „Rote Hilfe“ vor. Drohsel hatte die „Rote Hilfe“ bereits neun Jahre zuvor, 2007, verlassen. Hippe hoffte darauf, dass die Zuhörer mit der „Rote Hilfe“ der Jahre um 2005 die politisch-ideologische Nachfolgerin jener „Rote Hilfe“ assoziierten, die 1975 zum engeren Kreis der RAF gehörte.

Unmittelbar nach dem glücklichen Ende der Entführung verständigten sich Helmut und Loki Schmidt darauf, dass sie im Fall einer Entführung nicht ausgeliefert werden wollten und machten diese Entscheidung öffentlich. Auch Helmut Kohl erwähnt in seinen dreißig Jahre später erschienenen Erinnerungen, dass er eine ähnliche Festlegung getroffen habe. „Hannelore respektierte meine Entscheidung, akzeptierte sie aber niemals.“ (Kohl 362).

Was wurde aus den Freigepressten und den Tätern? Und was geschah mit Peter Lorenz?

Zunächst zu den Freigepressten, dem Alter nach:

Erwähnt werden nur die Taten und Verurteilungen nach ihrer Rückkehr aus Aden, weil diese allemal das Strafmaß der früheren Verurteilungen übertrafen.

Verena Becker (geb. 1952)

Nach ihrer Rückkehr aus Aden schloss sie sich der RAF an. Am Morgen des 3. Mai 1977, also mit 25, schossen sie und Günter Sonnenberg in Singen bei einer Personenkontrolle auf zwei Polizisten, die keinen Schuss abgegeben hatten, und verletzten diese schwer. Im Dezember 1977 wurden sie wegen Mordversuchs zu lebenslangen Haft verurteilt. Nach 12 Jahren wurde sie im Nov 1989 begnadigt.

Am 27. August 2009 wurde sie aufgrund des dringenden Tatverdachts, am Mordanschlag auf Siegfried Buback beteiligt gewesen zu sein, erneut festgenommen. Der Haftbefehl wurde jedoch schon vier Monate später aufgehoben. Im Zuge der Ermittlungen bestätigten sich frühere Berichte, dass Verena Becker als Informantin für das Bundesamt für Verfassungsschutz tätig gewesen war.

Am 6. Juli 2012 wurde Becker dann doch wegen Beihilfe zum Mord an Buback zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Nach eineinhalb Jahren setzte das OLG Stuttgart am 12. Februar 2014 die Reststrafe zur Bewährung aus.

  • Rolf Heißler (geb. 1949) kehrte im Oktober 1976, da war er 27, unerkannt in die Bundesrepublik zurück. Am 1. November 1978 erschoss er zusammen mit Adelheid Schulz zwei niederländische Zollbeamte bei einer Passkontrolle in Kerkrade. Zunächst konnte er entkommen. Bei seiner Festnahme sieben Monate später am 9. Juni 1979 in Frankfurt wurde Rolf Heißler durch einen Kopfschuss schwer verletzt. Am 10. November 1982 wurde er wegen der Ermordung der niederländischen Zollbeamten zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, die er zunächst in den Niederlanden, danach in Deutschland absass. Am 25. Oktober 2001 wurde er nach 22 Jahren auf Beschluss des Oberlandesgerichts Düsseldorf auf Bewährung entlassen.

In einer Ausstellung 2007 in Frankfurt wurden Gegenstände Heißlers aus der Haftzeit präsentiert. Heißler sagte im Rahmen der Ausstellung, er bereue nichts und stehe zu dem, was er mehrfach den „bewaffneten Kampf“ nannte. Weitere Ermittlungen gegen ihn wegen der Ermordung Schleyers wurden eingestellt.

  • Gabriele Kröcher-Tiedemann (geb. 1947) wurde am 20. Dezember 1977, mit 30, nach einem Schusswechsel in Fahy an der französischen Grenze durch Schweizer Grenzschützer verhaftet. Dabei wurden zwei Beamte durch Schusswechsel schwer verletzt. Die Polizei stellte bei der Verhaftung ein Teil des Lösegeldes aus der Entführung des österreichischen Textil-Unternehmers und NS-Verfolgten Walter Michael Palmers sicher.

    Nach Verbüßung von zwei Dritteln einer fünfzehnjährigen Haftstrafe in der Schweiz wurde sie im Dezember 1987 an Deutschland ausgeliefert, wo sie den Rest ihrer 1975 durch die Freipressung unterbrochenen Haftstrafe zu verbüßen hatte.

    1991 wurde sie aus der Haft entlassen. Schon in der Haft hatte sie sich vom Terrorismus losgesagt. 1992 erkrankte sie an Krebs. Sie starb am 7. Oktober 1995.

  • Ingrid Siepmann (geb. 1944) lebte nach der Freipressung in einem Ausbildungslager der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP). Sie soll an der Entführung des österreichischen Textilindustriellen Walter Michael Palmers im November 1977 beteiligt gewesen sein, mit der die „Bewegung 2. Juni“ ca. 31 Millionen Schilling erbeutete, die sie mit der PFLP und der RAF teilte.

Sie soll Mitglied einer palästinensischen Frauenbrigade gewesen und entweder bei einem israelischen Bombenangriff oder während der Kämpfe beim Massaker von Sabra und Schatila im September 1982 umgekommen sein.(Quelle: Wikipedia)

Ich komme nun zu dem fünften Freigepressten. Ihm wurde weder eine Gewalttat noch die Nutzung einer Waffe nachgewiesen.

Rolf Pohle (geb. 1942) war 1967 ASTA-Vorsitzender der Universität München. Aus dieser Zeit kenne ich ihn. Ich war zwischen 1966 und 1968 stellvertretender bzw. ASTA-Vorsitzender der Marburger Universität. Wir kamen beide aus kirchlich gebundenen protestantischen Elternhäusern. Auch deshalb lag die Mitgliedschaft in der menschenrechtsorientierten und antiklerikalen Humanistischen Union (HU) nahe, zu deren Förderern z.B. Fritz Bauer und Hildegard Hamm-Brücher gehörten. Später ging er dann zum Liberalen Studentenbund Deutschland (LSD). Er wurde nach der Karfreitagsdemonstration 1968 gegen die Auslieferung der BILD-Zeitung auf den Hinweis seines Nachfolgers im ASTA-Vorsitz, Danschacher, eines Mitglieds der Münchener Studenten-Union, MSU, die nicht nur wegen des Kürzels leicht mit der CSU zu assoziieren war, hin angeklagt. Er wurde wegen schweren Landfriedensbruch zur Höchststrafe von 15 Monaten ohne Bewährung verurteilt, weil er sich, so der Urteilstext, „aktiv an dem Bau einer Barrikade beteiligt habe, indem er mindestens einen Balken gemeinsam mit einem anderen Störer zur Barrikade verbrachte“. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Wegen Transports eines Balkens und auf Grund eines Fotos in einem ZDF-Film, auf dem ein Schattenmann zu sehen war, von dem die Staatsanwaltschaft behauptete, dass dieser Schattenmann Rolf Pohle sei, wird ein bislang Nicht-Vorbestrafter zur Höchststrafe ohne Bewährung verurteilt.

Ernst Müller-Meininger nannte in der Süddeutschen Zeitung das Urteil einen „Exzeß der Justiz zur rücksichtslosen Durchsetzung der Staatsraison“.

Wegen des – noch nicht-rechtskräftigen – Urteils wurde Rolf Pohle die Teilnahme am zweiten juristischen Staatsexamen verweigert. Das Justizprüfungsamt wurde zwar per Gerichtsbeschluss angewiesen, ihn zur Prüfung zuzulassen. Aber er fiel dann, nicht ganz unerwartet, durch. Weil man in dem Balkenträger ein RAF-Mitglied sehen wollte, wurde er ständig überwacht, so dass er Mitte 1971 untertauchte.(Wächtler 69f)

Am 18. Dezember 1971 wurde er in Ulm verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, von Mai bis Oktober 1971 – in der Zeit , als er untergetaucht war – Mitglied bei der RAF gewesen zu sein und Waffen beschafft zu haben. Bis zu seinem Prozess im September 1973 wurde er in Isolationshaft gehalten – ohne Kontakt zu anderen Gefangenen, 23 ½ Stunden in einem Raum. Seine Rechtsanwalt Hartmut Wächtler berichtet in seinem 2018 erschienen Buch „Widerspruch“: „Es war der erste große RAF-Prozeß und dauerte sechs Monate. Die Beweislage war schwierig, weil bei der Gegenüberstellung die Waffenhändler Rolf Pohle nicht als Käufer identifizierten.“

1974 wurde er wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Waffenbesitzes und Unterstützertätigkeit für die Rote Armee Fraktion zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt.

Nach der Freipressung kehrte Pohle nicht nach Deutschland zurück, sondern

reiste nach Griechenland, wo er über einen größeren Kreis von Freunden und Freundinnen verfügte, die während der Junta-Jahre 1967 bis 1974 in München gelebt hatten. Im Juli 1976 wurde er mit Hilfe des Agenten Mauss erneut verhaftet. Die Bildzeitung v. 23. Juli 1976 titelte daraufhin: „Deutschlands gefährlichster Terrorist gefaßt“: Ein „Terrorist“, dem keine Gewalttat nachgewiesen werden konnte.

Das für Auslieferungen zuständige, höchste griechische Gericht, der Areopag, lehnte die von der Bundesrepublik verlangte Auslieferung ab, da nach geltendem Auslieferungsrecht ein Delinquent nicht ausgeliefert werden durfte, wenn ihm in seinem Heimatstaat eine Verurteilung wegen einer politischen Straftat drohte. Die Bundesregierung bat die Staatsanwaltschaft, Widerspruch einzulegen.

Dass dem Begehren der Bundesrepublik schließlich nachgegeben wurde, hatte aber wohl keinen jurisitischen Grund: Der Sprecher der Bundesregierung Klaus Bölling war nach Athen eingeflogen worden und hatte im Auftrag des Bundeskanzlers Helmut Schmidt ausrichten lassen, die deutsche Regierung würde sich dem griechischen Antrag, Mitglied der EWG zu werden, entgegenstellen, wenn Pohle nicht ausgeliefert werde. In diplomatischer Formulierung hiess dies, man werden dem Antrag Griechenlands distanziert gegenüberstehen, wenn man dort nicht zur Zusammenarbeit gegen den Terrorismus bereit sei. Als dies bekannt wurde, schäumte die griechische Öffentlichkeit, vor allem die Oppositionspartei PASOK. Genauso hatte man sich das „Modell Deutschland“ vorgestellt. (Pohle 194 und 196)

Am 1. Oktober 1976 wurde Pohle ausgeliefert. (Wächtler 81).

Eigentlich hätte es dieser Pression nicht bedurft. Denn bereits 1975 hatte die EWG/EU sich darauf verständigt, das Auslieferungshindernis der Verurteilung wegen eines politischen Delikts zwischen den Mitgliedsstaaten abzuschaffen. Aber die Bundesrepublik ratifizierte dieses Abkommen erst 1977.

1982 wurde Pohle nach sechsjähriger Haft entlassen. „Die bayrische Justiz schenkte Pohle nichts. Bis zu seinem RAF-Prozess war er nicht vorbestraft, seine „Führung“ in der Haft war ohne Probleme; wäre er ein normaler Krimineller, wie offiziell immer behauptet wurde, hätte er zumindest das letzte Drittel seiner Strafe erlassen bekommen; wäre er NS-Täter sogar die Hälfte.“(Wächtler 82)

Nach vergeblichen Versuchen, in Deutschland Arbeit zu finden, „wanderte er nach Griechenland aus. In Athen hatte er viele Freunde, die ihm ein billiges Appartement in einem schönen Stadtteil verschafften. Er genoss dort hohes Ansehen wegen seines Prozesses, schrieb Artikel und gab Deutschunterricht.“ (Wächtler a.a.O.) Pohle starb am 7. Februar 2004 im Alter von 62 Jahren nach einer langwierigen Krebserkrankung in Athen.

Was wurde aus den Tätern? (in Klammern Alter zum Zeitpunkt der Tat):

Sie wurden alle im sog. „Lorenz-Drenkmann-Prozess“, der am 19. Oktober 1980 endete, verurteilt.

  • Gerald Klöpper (21) wurde bereits am 28. April 1975 verhaftet. Er wurde zu 11 Jahren und 2 Monaten verurteilt. Er kandidierte – ohne Erfolg – 1981 auf der „Alternativen Liste“ für die BVV Tiergarten. Später wurde er „Unternehmer“, wofür auch immer.
  • Till Meyer (31) wurde am 6. Juni 1975 verhaftet und zu 15 Jahren verurteilt. Nach der vorzeitigen Entlassung 1986 schleuste ihn die Stasi bei der taz ein.
  • Andreas Vogel, mit 19 Jahren der Jüngste, wurde ebenfalls am 6. Juni 1975 festgenommen und zu ebenfalls 15 Jahren verurteilt. Er wurde ebenfalls 1986 entlassen.
  • Ronald Fritzsch (23) wurde am 9. September 1975 festgenommen und zu 13 Jahren und 3 Monaten verurteilt. Er wurde im September 1989 entlassen. Danach betätigte er sich als selbständiger Kaufmann für Bürobedarfsartikel.
  • Ralf Reinders (26) wurde mit ihm ebenfalls am 9. September 1975 festgenommen und zu 15 Jahren Haft verurteilt. Er wurde im September 1990 entlassen. Noch 2007 rechtfertigte er wie Fritzsch die Morde an Buback und Schleyer.
  • Gabriele Rollnick (25) wurde ebenfalls am 9. September 1975 verhaftet. Ihr gelang die Flucht aus dem Berliner Frauengefängnis. Am 9. November 1977 gelang die Erpressung des Wieners Palmer. 1978 wurde sie in Bulgarien festgenommen und 1981 zu 15 Jahren verurteilt. 1993 freigelassen wurde sie Kinder- und Jugendtherapeutin in Hamburg. Sie ist verheiratet mit dem ehem. RAF-ler Karl-Heinz Dellwo (Dokumentarfilmer, Verleger und Gastwirt).
  • Fritz Teufel, der ebenfalls wegen Beteiligung an der Entführung angeklagt worden war, wurde in dem Prozess wegen erwiesener Unschuld freigesprochen.

Auch wenn der Prozess in den Zeitungen einen anderen Namen erhielt, ging es ausschließlich um die Entführung von Peter Lorenz. Wer am Drenkmann-Mord beteiligt war, ist nach wie vor ungeklärt.

Damit komme ich zum Höhepunkt:

Wie erging es Peter Lorenz ?

Peter Lorenz war nicht ohne Grund Landesvorsitzender der Berliner CDU geworden: Er galt als derjenige, der dem Platzhirschen der verschiedenen Interessengruppen am wenigstens gefährlich erschien. Im politischen Meinungskampf konnte er aber durchaus austeilen. So hatte er im Wahlkampf vor einem „erschreckenden Verfall der inneren Sicherheit in Berlin gewarnt“ und zweifelte, in vollem Einvernehmen mit Helmut Kohl, insbesondere daran, dass die SPD geeignet sei, den Schutz Berlins im Allgemeinen und der Universitäten im Besonderen vor dem Kommunismus zu gewährleisten. Auf einem Plakat zur Wahl warnte er: „Berlin lebt gefährlich“. Helmut Schmidt meinte dazu: „Peter Lorenz muss sich nachts in seiner Wohnung mächtig ängstigen. Er hört wohl unbekannte Geräusche. Vielleicht ist es Herr Lummer?“

Die Umgangsformen waren etwas drastisch.

Nach seiner Freilassung nach 5 ½ Tagen Haft im „Volksgefängnis“ äußerte er sich in einer Pressekonferenz erstaunlich frisch, nahm danach aber mit seiner Frau einige Tage Urlaub. Da die SPD mit der FDP in Berlin weiterregierte, blieb ihm der Posten des Parlamentspräsidenten.

Natürlich stürzten sich die Sender auf ihn. In einem Fernseh-Interview hatte er einige Wochen nach der Freilassung geäußert: Statt stets mit dem Finger auf den politischen Gegner zu zeigen, hätten beide Unionsparteien, sehr wohl Anlass, darüber nachzudenken, warum ihnen eine ganze Generation junger Menschen den Rücken kehrte.

Die in diesem Satz zum Ausdruck kommende reflektierende Haltung sollte ihm bald seine sämtlichen Ämter kosten.

Selbstverständlich wagte man nicht, ihn ob solcher Worte offen anzugreifen. Seine selbstkritischen Bemerkungen wurden aber nicht als Ergebnis von Einsicht gewertet, sondern als das Resultat einer in der Gefangenschaft vermutlich erfolgten Gehirnwäsche. Helmut Kohl schreibt in seinen „Erinnerungen“: „Nach all den Strapazen galt es jetzt, Peter Lorenz zunächst einmal zur Seite zu stehen. Seine ersten Interviews im Fernsehen zeigten mir einen stark veränderten Freund, der zum Teil wenig sinnvolle Aussagen machte. Auch deshalb bemühte ich mich, ihm eine Erholungspause zu verschaffen. Mit Hilfe seiner Frau konnte ich ihn überreden, sich in einer Pension in der Pfalz einzumieten. In der Nähe der französischen Grenze bei Bad Bergzabern nahm sich das Ehepaar Lorenz Zeit, zu sich selbst zu kommen. Hannelore und ich besuchten sie dort mehrfach. Wir unternahmen ausgiebige Wanderungen “.

Und weiter: „Der einst so kämpferische Peter Lorenz war nach dieser dramatischen Erfahrung ein anderer Mensch geworden. Was ihm im Lauf der Entführungen tatsächlich widerfahren war, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Er wirkte sehr verändert, er gab sich verschlossen und ernst. Die Entführung hatte eine Wesensveränderung bewirkt.“ (Kohl 361)

Peter Lorenz passte nicht mehr in eine CDU, in der Heinrich Lummer, Alfred Dregger, Jürgen Wohlrabe oder Heiner Geißler den Ton angaben.

Er wurde Präsident des Abgeordnetenhauses und man bereitete ihn schon einmal auf seine Abschiebung nach Bonn vor: Nach der Bundestagswahl 1976 wurde er als Berliner Abgeordneter in den Deutschen Bundestag gewählt. Manchem erschien diese mit zwei Zuwendungen verbundene Ämterhäufung unangemessen. So gab er Anfang 1977 sein BT-Mandat wieder zurück.

Obwohl die CDU auch dank Lorenz 1975 das beste Wahlergebnis seit 1949 in Berlin erzielt hatte, begannen schon bald Bemühungen, ihn zu ersetzen. Man kleidete dies in Zweifel an seiner Psyche. Kohl formulierte (Kohl 586): „Nicht nur ich, sondern viele aus unserem gemeinsamen Freundeskreis hatten beobachtet, dass diese schreckliche Lebenserfahrung (die Entführung) ihn verändert hatte.“

Die Berliner CDU war so zerstritten, dass man sich nicht auf einen Nachfolger einigen konnte. Wenn man nicht Lorenz wollte, musste man wohl jemanden einfliegen.

Lorenz wollte sich dem Auftrag, nach einem Nachfolger, der die Berliner Partei in den Wahlkampf 1979 führen könnte, zu suchen, nicht entziehen. Seine Bemühungen, Persönlichkeiten aus Westdeutschland zu gewinnen, wurden nach Ansicht des Tagesspiegel-Kommentators (v.10. Sept. 1978) dadurch erschwert, dass zum einen der Berliner Parteiapparat selbst einem solchen Ansinnen im Wege stand, und dass es deshalb zum zweiten kaum möglich erschien, die Abneigung Bonner Politiker, nach Berlin zu kommen und mit diesem Parteiapparat zu arbeiten, zu überwinden.

Doch im Sommer 1978 glaubte Lorenz, endlich Erfolg zu haben: Er hatte im Sommer mit Richard von Weizsäcker, der von Geburt Berliner war, Kontakt aufgenommen. Zunächst verspürte aber auch Weizsäcker wenig Neigung, sich dem unschönen Klima in der Berliner Partei auszusetzen. Zumal er hoffte, für das Amt des Bundespräsidenten, das 1979 neu zu besetzen war, vorgeschlagen zu werden. Erst als Kohl ihm deutlich gemacht hatte, das damit wegen des Widerstandes vor allem in der CSU, aber auch im konservativen Flügel der CDU und bei ihm, Kohl selbst, nicht zu rechnen sei, – schließlich hatte Weizsäcker der von der CDU/CSU auf heftigste bekämpften Ostpolitik Willy Brandts in wesentlichen Teilen zugestimmt, – sagte Weizsäcker für Berlin zu. Am 9. September 1978 konnte Lorenz seinem Partei-Vorstand Richard von Weizsäcker als Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahlen im März 1979 präsentieren, in der Hoffnung, dass mit ihm „die Partei einen zugkräftigeren Kandidaten“ (- als mich- ) „vorweisen“ könne. Kohl schrieb später in seinen „Erinnerungen“allerdings, er selbst habe Weizsäcker für das Berliner Amt vorgeschlagen, nachdem er „im September“, – also wenige Tage vor der Berliner Parteisitzung – Lorenz nach Ludwigshafen eingeladen und „mit ihm fast die halbe Nacht“ diskutiert und den „Parteisoldaten“ dazu gebracht habe, „in die zweite Reihe zurückzutreten“ (Kohl 586/587).

Ein gutes Beispiel, warum man der „oral history“ oder persönlichen Erinnerungen nicht ohne weiteres Glauben schenken sollte.

Die Demontage ging weiter. 1979 gewann die CDU mit Weizsäcker noch einmal dazu, wenn auch nur 0,5 % (44,4 %). Doch reichte es nicht. Die FDP, – damals noch eine eher linksliberale Partei – wollte ihre Koalition mit der SPD fortsetzen. Weizsäcker kehrte nach Bonn zurück. Lorenz wurde erneut Präsident des Abgeordnetenhauses. Doch 1980 ging er nach der BT-Wahl nach Bonn. In Berlin ersetzte ihn Heinrich Lummer als Präsident des Abgeordnetenhauses. Doch das reichte nicht. Er sollte nun auch als Landesvorsitzenden ersetzt werden. Er selbst schlug Richard von Weizsäcker vor. Damit konnte dieser seine mangelnde Verankerung im Berliner Abgeordnetenhaus ein wenig ausgleichen. Das war auch nötig, denn Dietrich Stobbe war im Januar 1981 zurückgetreten und Neuwahlen standen für den 10. Mai 1981 an. Am 21. März 1981 wurde Weizsäcker zum Landesvorsitzenden gewählt. Der Dank Eberhard Diepgens, damals Fraktionsvorsitzender der CDU, an Peter Lorenz, der 12 Jahre die Partei geführt, in dessen Amtszeit sich die Zahl der Parteimitglieder verdoppelt hatte und die CDU zur deutlich stärksten Fraktion im Abgeordnetenhaus geworden war, wurde mit knapp zwei Zeilen im Bericht der „Berliner Morgenpost“ vom 22. März 1981erwähnt.

Doch Helmut Kohl hatte ihn nicht vergessen. Als er 1982 Bundeskanzler wurde, schuf er für ihn neben Friedrich Vogel und Philipp Jenninger, die den Titel Staatsminister erhielten, ein zusätzliches Amt: Den „Parlamentarischen Staatssekretär beim Bundeskanzler und Bevollmächtigten der Bundesregierung in Berlin“ mit einem eigenen Amtssitz. Zu sagen hatte er nichts, weder in Bonn noch in Berlin.

Am 12. März 1987 schied er aus Gesundheitsgründen aus dem Amt. Er starb am 6. Dezember 1987 im Alter von 65 Jahren.

Die Errichtung der Gedenkstele war zu seinem 95. Geburtstag am 22. Dezember 2017 als späte Wiedergutmachung geplant. Obwohl der Antrag schon im Februar 2017 von der BVV beschlossen worden war, war das von einer CDU-Bezirksbürgermeisterin geführte Bezirksamt dazu nicht in der Lage.

Quellen:

Kohl, Helmut: Erinnerungen 1930 – 1982, Droemer 2004

Pohle, Rolf: Mein Name ist Mensch, Karin Kramer 2002

Schwarz, Hans-Peter:Helmut Kohl. Eine politische Biographie, DVA 2012

Soell, Hartmut: Helmut Schmidt. Macht und Verantwortung, DVA 2008

Wächtler, Hartmut: Widerspruch, Transit 2018

 

Ende August ist das langjährige Mitglied unserer Partei, Gero Gandert, gestorben. Gero ist 1954 in die SPD eingetreten und wurde 90 Jahre alt. Obwohl er schon jahrelang nicht mehr in unserem Abteilungsgebiet wohnte, war es ihm wichtig, Mitglied unserer Abteilung zu bleiben. So nahm er immer wieder an Mitgliederversammlungen teil und ließ sich keine Gelegenheit entgehen, auch an den Veranstaltungen präsent zu sein, wo das Gesellige im Vordergrund stand.
Ganz besonders wird vielen von uns der Besuch bei der Deutschen Kinemathik am Potsdamer Platz in Erinnerung bleiben. Dies war auch die Heimstätte seines beruflichen Wirkens. Der studierte Zeitungs- und Theaterwissenschaftler hat viele Spuren in Berlin hinterlassen.
Er setzte sich aber auch mit der Kulturpolitik und dem Filmwesen der DDR auseinander. Dies führte dazu, dass der dort – verurteilt wegen „Spionage und schwerer staatsgefährdender Hetzte und Propaganda“ – von 1958 bis 1961 in Haft saß. Kaum war er wieder in Freiheit, kümmerte er sich mit Leidenschaft um die Deutsche Kinemathik. Gero ist es zu verdanken, dass es heutzutage eine Geschichte des Deutschen Films gibt. Seine Reisen in die USA dienten dazu, das „Deutsche Filmerbe“ nach Berlin zurückzuholen. So scheute er unter anderem keine Mühen und Anstrengungen, für den Erwerb des Marlene – Dietrich – Nachlasses die erforderlichen fünf Millionen DM von der Berliner Klassenlotterie einzuwerben.
Geros Wirken wird für uns alle sichtbar bleiben. Er hat den Walk of Fame am Postamder Platz initiiert. Gemeinsam mit Klaus Wowereit konnte er der Öffentlichkeit 2010 den ersten Stern – natürlich für Marlene Dietrich – präsentieren.
Es war immer angenehm, in der Nähe von Gero zu sein. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.