Polen nach den Parlamentswahlen am 13. Oktober 2019
Eine kurze Bilanz

Die PiS-Strategie der Umgestaltung des Staates zu einer autoritären Parteiherrschaft mit demokratischer Fassade war in der vergangenen Legislaturperiode sehr erfolgreich: Der öffentliche Rundfunk (Radio- und Fernsehstationen) wurde zu Propagandaeinrichtungen der Regierungspartei umgestaltet. Das Verfassungstribunal ist fest in der Hand von PiS-Richtern. Die sogenannte Justizreform ist auch im Übrigen weitgehend vollzogen worden. In allen unmittelbar staatlichen Bereichen konnte die Partei gleichfalls ihre Kaderpolitik durchsetzen. Weiterlesen

Auf ihrem Parteitag hat die SPD gewagt, was man ihr nicht mehr zugetraut hatte: Sie hat eines ihrer besten Papiere seit dem Godesberger Programm von 1959 beschlossen. Das gibt Hoffnung.

Kolumne von Heribert Prantl

Historischen Tagen merkt man ihre Historizität nicht immer an. Als Willy Brandt am 28. Oktober 1969, vor fünfzig Jahren, seine erste Regierungserklärung hielt, gab es kaum jemanden, der im Satz „Mehr Demokratie wagen“ etwas Besonderes, Außergewöhnliches, Spektakuläres erkannt hätte. Der Satz wurde erst Jahre später zum Schlüsselsatz einer neuen politischen Zeit. Womöglich ergeht es dem Beschluss Nummer 3 des SPD-Parteitags vom vergangenen Wochenende ähnlich. Er ist überschrieben „Ein neuer Sozialstaat für eine neue Zeit“, ist 21 Seiten lang und wohl eines der gehaltvollsten Papiere, die in der SPD seit dem Godesberger Programm von 1959 beschlossen worden sind.

Dieser Beschluss Nummer 3 ist eine revolutionäre Evolutionserklärung: Er ist nicht einfach nur der Abschied von Gerhard Schröders Agenda 2010 und nicht einfach nur die Beerdigung von Hartz IV. Das allein verdiente schon die Bezeichnung Zäsur. Der Beschluss ist freilich noch mehr als eine solche Zäsur: Er ist der respektable Versuch, im Jahr des siebzigsten Grundgesetzjubiläums die wichtigsten Verfassungsgrundsätze neu zu deklinieren: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“ Dieser Beschluss Nummer 3 versucht zu beschreiben, was Sozialstaatlichkeit im digitalen Zeitalter bedeutet und wie sie aussehen kann.

Der Beschluss ist natürlich noch nicht vom neuen Führungsduo der SPD vorbereitet worden; die Wahl von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans samt der Frage, wie es mit denen um die Zukunft der großen Koalition steht, hat das öffentliche Interesse am Parteitag dominiert. Der Beschluss Nummer 3 trägt noch die Handschrift der zurückgetretenen Partei- und Fraktionschefin Andrea Nahles. Wäre der Beschluss vor 15, vor zehn oder auch noch vor fünf Jahren gefasst worden, er hätte die Schlagzeilen wochenlang beherrscht, schon wegen des Abschieds von der Agenda 2010. Aber das Leben der SPD mit dieser Agenda und das Leiden an dieser Agenda – es ist in den vergangenen 15 Jahren ein Überdrussthema geworden.

Man hat sich angewöhnt, die SPD als Bordstein zu behandeln, an den sich gut pinkeln lässt

In den hochprozentigen Jahren der Sozialdemokratie wären bereits die wenigen Zeilen des Beschlusses, in denen es um digitales Arbeiten geht, ausgiebig und überwiegend zustimmend diskutiert worden: Die SPD fordert einerseits, das Recht auf mobiles Arbeiten und Homeoffice gesetzlich zu verankern, andererseits will sie aber auch die Beschäftigten vor einer überbordenden Inanspruchnahme mit einem „Recht auf Nichterreichbarkeit“ schützen.

Indes: Man hat es sich angewöhnt, dieser SPD nichts Gutes mehr zuzutrauen, seitdem sie in Wahlergebnissen und Umfragen sinkt und sinkt. Man hat es sich angewöhnt, sie als Bordstein zu behandeln, an den es sich gut pinkeln lässt. Die 150 Jahre alte Partei wurde und wird so beschrieben, als habe sie eine unheilbare Krankheit – die unter anderem dazu führt, dass alles, was immer sie auch macht, falsch ist, ob sie nun nach rechts, nach links oder in die Mitte rückt.

Es ist wohl noch keine demokratische Partei in der Geschichte der Bundesrepublik über so lange Zeit so heftig und so katastrophal kritisiert worden. Das hat mit gewaltigen politischen Fehlern zu tun, die diese Partei gemacht hat; das hat auch mit enttäuschter Liebe bei nicht wenigen Kritikern zu tun; das hat auch mit einer morbiden Lust zu tun, den Tod der traditionsreichen Partei zu erleben – und somit das Verschwinden des letzten Zipfels des sozialdemokratischen Jahrhunderts.

Und so kam es wohl, dass mir am Parteitag zu Berlin, als der große Beschluss Nummer 3 mit hundert Prozent der Stimmen verabschiedet wurde, eine Szene aus Joseph Roths „Radetzkymarsch“ in den Sinn kam. Der Roman handelt zwar nicht vom Zerfall der Sozialdemokratie, sondern vom Zerfall der Donaumonarchie. Aber darin gibt es eine zum Heulen ergreifende Szene: Der alte Bezirkshauptmann besucht seinen sterbenden treuen Diener; und der Diener versucht, noch unter dem Bettlaken das zu tun, was er gelernt und so lange gemacht hatte: die Hacken zum Gruß zusammenzuschlagen.

Der Solidaritätsgedanke erweckt die malade Partei zu neuem Leben

So ähnlich war es, als beim Parteitag an das Bett der maladen SPD ihre eigene große Geschichte trat. Die Delegierten hatten das Bedürfnis und die Sehnsucht danach, trotz oder gerade wegen all der Sterbelitaneien, die der SPD gesungen werden, noch einmal zu zeigen, was diese Partei eineinhalb Jahrhunderte lang gelernt und geübt hat: Die Delegierten schlugen diszipliniert die Hacken zusammen und verabschiedeten einstimmig ein Programm, das Maßstäbe setzen und die Zukunft gestalten soll. Und zugleich war dieses Hackenzusammenschlagen die Rebellion des Dieners gegen den Unterbezirkshauptmann Schröder. Es war nicht die letzte Zuckung eines Moribunden, sondern dessen Auferstehungsregung.

In Umbruchzeiten sind Utopien realistisch. Die Utopie besteht, so hat das der Philosoph Oskar Negt einmal beschrieben, in der konkreten Verneinung der als unerträglich empfundenen Verhältnisse – mit der Perspektive und Entschlossenheit, das Gegebene zum Besseren zu wenden. Das Unerträgliche: Das ist in der Arbeitsgesellschaft die Rechtlosigkeit der Crowd- und Clickworker. Das Unerträgliche: Das ist die Aussicht, dass innerhalb weniger Jahre mehr als eine Million Taxifahrer, Busfahrer, Lieferanten, Lkw- und Gabelstaplerfahrer in Deutschland ihre Arbeit verlieren werden, weil die fahrerlose Mobilität kommt. Das Unerträgliche: Immer mehr Arbeiten werden an Leiharbeitsfirmen und rechtlich Selbständige ausgelagert. Das bedeutet: Die alte Solidarität, die zu den Kernwörtern der Sozialdemokratie gehört, muss neu konkretisiert werden. Der Beschluss Nummer 3 versucht das – inklusive der Solidarität mit den Kindern und mit den Alten. Die SPD webt ein Band, welches das Leben umspannt. Das ist spannend, das verdient Aufmerksamkeit.

In der Medizin spricht man vom Lazarus-Effekt, wenn bei Patienten, die bereits für tot erklärt worden sind, der Kreislauf wieder einsetzt. In der Biologie nennt man es Lazarus-Phänomen, wenn Tiere entdeckt werden, die man für ausgestorben gehalten hat. Was der Galápagos-Seebär in der Biologie ist, das könnte, wenn die Partei großes Glück hat, in Deutschland die SPD sein. Eine Wiederentdeckung.

 

Ende August ist das langjährige Mitglied unserer Partei, Gero Gandert, gestorben. Gero ist 1954 in die SPD eingetreten und wurde 90 Jahre alt. Obwohl er schon jahrelang nicht mehr in unserem Abteilungsgebiet wohnte, war es ihm wichtig, Mitglied unserer Abteilung zu bleiben. So nahm er immer wieder an Mitgliederversammlungen teil und ließ sich keine Gelegenheit entgehen, auch an den Veranstaltungen präsent zu sein, wo das Gesellige im Vordergrund stand.
Ganz besonders wird vielen von uns der Besuch bei der Deutschen Kinemathik am Potsdamer Platz in Erinnerung bleiben. Dies war auch die Heimstätte seines beruflichen Wirkens. Der studierte Zeitungs- und Theaterwissenschaftler hat viele Spuren in Berlin hinterlassen.
Er setzte sich aber auch mit der Kulturpolitik und dem Filmwesen der DDR auseinander. Dies führte dazu, dass der dort – verurteilt wegen „Spionage und schwerer staatsgefährdender Hetzte und Propaganda“ – von 1958 bis 1961 in Haft saß. Kaum war er wieder in Freiheit, kümmerte er sich mit Leidenschaft um die Deutsche Kinemathik. Gero ist es zu verdanken, dass es heutzutage eine Geschichte des Deutschen Films gibt. Seine Reisen in die USA dienten dazu, das „Deutsche Filmerbe“ nach Berlin zurückzuholen. So scheute er unter anderem keine Mühen und Anstrengungen, für den Erwerb des Marlene – Dietrich – Nachlasses die erforderlichen fünf Millionen DM von der Berliner Klassenlotterie einzuwerben.
Geros Wirken wird für uns alle sichtbar bleiben. Er hat den Walk of Fame am Postamder Platz initiiert. Gemeinsam mit Klaus Wowereit konnte er der Öffentlichkeit 2010 den ersten Stern – natürlich für Marlene Dietrich – präsentieren.
Es war immer angenehm, in der Nähe von Gero zu sein. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Nur keine Hast

Es war ein ereignisreiches erstes Halbjahr 2019. Eine Erholungspause kommt gerade zur rechten Zeit. Unser Übergangstriumvirat an der Parteispitze strahlt die nötige Ruhe und Kompetenz aus. Ich denke, die Drei sollten mal noch ein paar Wochen Zeit haben, um die Partei in ruhigere Fahrwasser zu lenken. Hektik nutzt uns nicht, zumal wenn man nicht genau weiss, was man eigentlich will.

Mal sehen, was die GroKo noch bis zum Oktober/November hinbekommt. Dann kann auch im Dezember entschieden werden, ob sich eine weiteres Zusammengehen wirklich lohnt. Eine neue Parteispitze kann vernünftigerweise nicht gewählt werden, ohne das klar ist, wie es weiter gehen soll. Oder wollen wir etwa britische Verhältnisse in der Partei: eine GroKo-befürwortende Spitze im September wählen, die dann im Dezember die Beendigung der GroKo organisiert? Ich finde, dass wir solche Blödigkeiten gerne den Johnsons und Farages jenseits des Kanals überlassen sollten.

Umweltschutz? Die SPD kann es. Besser!

Der Erfolg der Grünen in jüngsten Wahlen und Meinungsumfragen verdeckt, dass die einzige Partei, die erfolgreich Umweltschutz im großen Stil gemacht und Kohleausstieg sozial verantwortlich gestaltet hat, die SPD ist. Deshalb will ich, eingedenk von Enkel-Sprüchen wie

„wegen der Umweltpolitik darf man nie mehr SPD zu wählen, die denkt nur an Arbeitsplätze“ ,

daran erinnern, dass den einzigen bislang gelungenen Kohleausstieg die SPD in Nordrhein-Westfalen und dem Saarland sowie in den SPD-geleiteten Kommunen des Ruhrgebiets gemanagt hat.

Blauer Himmel über der Ruhr und Fische in der Ruhr

Willy Brandt hat bereits 1960 das unmöglich Erscheinende gefordert – „Blauer Himmel über der Ruhr“. Ein knappes Jahrhundert hatte Deutschland zuvor von der industriellen Stärke des Ruhrgebiets profitiert. Der Wiederaufbau nach 1945, einschließlich des Kulturlebens in Städten wie Hamburg oder München, ist ohne den Beitrag der Menschen im Ruhrgebiet nicht darstellbar.

Das Ruhrgebiet war aber auch die Wiege der Wirtschaftsdemokratie mit der in den 50er Jahren realisierten paritätischen Mitbestimmung in der Großindustrie, mit Zechensiedlungen, die vorbildhafter sozialer Wohnungsbau waren, der Mitbestimmung unterlagen und nicht von Miethaien zerfressen wurden. Das Ruhrgebiet mit 4 Millionen Menschen war das Bollwerk der Nachkriegsdemokratie, wo Hunderttausende Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten in den späten 40er und „Gastarbeiter“ seit Mitte der 50er Jahre als geachtete Mitbürger leben und arbeiten konnten. Das Ruhrgebiet bildete als Teil der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EKGS) seit 1952 eine Keimzelle der Europäischen Union.

Mit Kohle begann die Demokratie

Dies schuf ein politisches Klima, in dem Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit nicht gedeihen konnten. Während sich in den Landtagen von Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein, ab 1965 die NPD tummelte, hatte sie im Ruhrgebiet nie den Hauch einer Chance! Ihr schlechtes Wahlergebnis bei der BT-Wahl 1969 – in NRW erhielt sie 3 ,1% – war entscheidend für ihren Nichteinzug in den Bundestags, für die dadurch mögliche Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler, für die neue deutsche Ostpolitik, die bundesweite Durchsetzung der qualifizierten Mitbestimmung, für Gesetze zur Gleichstellung der Frauen, u.v.m.

Aber Kohleförderung sowie Koks- und Stahlerzeugung machten viel Dreck. (Ich weiss, wovon ich hier schreibe.)Der Himmel über der Ruhr war jahrzehntelang eine grau-gelbe Staubwolke, die kaum Sonne durchliess und bei den Kindern massenhaft zu Rachitis führte. Die Ruhr war eine schwarze Brühe, die Emscher eine Kloake.( Für diejenigen, die beim Erdkunde -Unterricht nicht aufgepasst haben: Zwei Nebenflüsse des Rheins im Ruhrgebiet.) Dass das in den 60er Jahren beginnende „Zechensterben“, von dem über 500.000 Bergleute direkt und weitere 2 Millionen als Angehörige betroffen waren und das am 21. Dezember 2018 mit der Förderung des letzten Stücks Kohle einen Abschluss fand, ohne größere soziale Verwerfungen gestaltet wurde, ist allein dem politischen Handeln der SPD zu verdanken:

  • Dank des 1969 verabschiedeten Arbeitsförderungsgesetze konnten Hunderttausende durch massive Arbeitsförderungs- und Umschulungsprogramme in neue, zukunftsorientierte Arbeitsplätze gebracht werden.
  • Die Ruhr wurde dank umfangreicher Kkäranlagen zu einem der fischreichsten Flüsse Deutschlands und die 1950 als schmutzigster Fluss Deutschlands bekannte Emscher zu einem von der UNO 2014 „Beispiel für ein partizipatives Öko-Großprojekt“ gerühmt.
  • Dank einer langfristig angelegten und weitsichtigen Industriepolitik wurde die Voraussetzung geschaffen, um das Gebiet von Duisburg bis Dortmund vor dem Absinken zu einem 130 Meter tiefen, 20 km breiten und 50 km langen Binnenmeer Deutschlands zu retten.

Und während nahezu der gesamten Zeit zahlte NRW in den Länderfinanzausgleich, aus dem Bayern z.B. bis 1986 jährlich Milliardenbeträge erhielt.

Umweltschutz nur miteinander

Es ist lächerlich, wenn sich am letzten Sonntag mal wieder 2000 Subventionsempfänger in Potsdam zur Forderung nach sofortigem Stop des Braunkohleabbaus und der umgehenden Schliessung von Braunkohlekraftwerken zusammen gefunden hatten. Brandenburg deckt über 50 % seines Energiebedarfs aus Braunkohle. Wenn die SPD bei dieser „grünen“ Politik nicht mitmacht, sondern auch an die 30.000 Kumpel im Braunkohlebergbau und ihre Familien denkt und den Umbau der Wirtschaft sozial und rücksichtsvoll gestalten will, verdeutlicht dies nur, dass ihr die Achtung der Würde des Menschen und zwar jedes Menschen der höchstr Wert ist.

Ja, es geht der SPD um Arbeitsplätze. Seit der Gründung der Partei vor über 150 Jahren. Ihre gesamte Programmatik, die Sozialgesetzgebung, die Umgestaltung der Arbeitslosenversicherung zu einer Arbeitsförderung, die Ausgestaltung von Arbeitsprogrammen und Bildungsförderungen ist darauf gerichtet, den Menschen die – zumeist – entwürdigende Situation der Arbeitslosigkeit zu ersparen.

Umweltpolitik im allgemeinen und Zechen- und Kraftwerkschließungen im besonderen müssen mit Sozialprogrammen, mit Arbeitsplatzpolitik zusammen gedacht und gemacht werden. Es geht um den Respekt vor der Lebensleistung der Menschen, die jahrzehntelang durch Stein- oder Braunkohleförderung Lebensmöglichkeiten für viele geschaffen und vielfach ihre eigene Gesundheit gefährdet haben. Für sie und mit ihnen hat die SPD Politik gemacht und für sie und mit ihnen wird die Zukunft geplant.

Deshalb sollten die Enkeltöchter und Enkelsöhne vor „Rezo“ und ähnlichen Influencern gewarnt werden. Eine Antwort kann nur heissen:

„Immer SPD wählen, damit Du eine lebenswerte Zukunft hast!“

In diesem Sinne: Schöne Ferien. Wir sehen und am 22. August wieder. Dann kommt Eva Högl, MdB zu uns. Der Herbst und Winter wird im Zeichen der Anstrengungen um bezahlbare Mieten in Berlin und im Bund. Stehen. Packen wir’s an.

Euer Christoph Ehmann

Am 29. März 11:00 Uhr wurde die Stele zum Gedenken an die Erfassung und Verfolgung der deutschen Sinti und Roma durch die „Rassenhygienische und Bevölkerungsbiologische Forschungsstelle (RHF)“ Unter den Eichen 82-84, Ecke Bötticherstraße enthüllt. Die „Forschungsstelle“ war Teil des Reichsgesundheitsamtes, das sich an gleicher Stelle befand. Zwischen 1935 und 1942 erfasste die Forschungsstelle reichsweit ca. 25.000 deutsche Sinti und Roma, vermass sie und bereitete damit ihre Verschleppung und schließliche Vernichtung in Auschwitz vor.

Die Errichtung der Stele fand in Anwesenheit der Vorsitzenden des Landesverbandes der Deutschen Sinti und Roma Berlin Brandenburg, Petra Rosenberg, und des Präsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland, statt.

Der Vater von Petra Rosenberg, Otto Rosenberg, war als junger Man selbst in die Fänge der „Forschungsstelle“ geraten und nach Auschwitz deportiert. Er überlebte als einer der wenigen seiner Familie das Lager. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass sich 1992 Schüler des Lichtenberger Gymnasiums in einem Wettbewerb des Bundespräsidenten mit der Tätigkeit der Forschungsstelle befassten und mit ihrer 200-seitigen Dokumentation den ersten Preis gewannen. Gemeinsam konnten sie 1995 ein Tafel zum Gedenken an die Opfer einweihen. Zuvor hatte bereits die ötv-Betriebsgruppe des Bundesgesundheitsamtes (Nachfolgeeinrichtung des Reichsgesundheitsamtes) die Geschichte ihrer Einrichtung in den Jahren 1933 bis 1945 untersucht und insbesondere zur „Forschungsstelle“ eine kleine Ausstellung zusammengestellt.

Die Gedenktafel erhielt nach einigen Jahren eine Platz in einer der breiteren Öffentlichkeit weitgehend unzugänglichen Bibliothek. Die Ausstellung verschwand 2009 in den feuchten Kellern des „Haus der Wannseekonferenz“, wo sie erst 2017, kurz vor ihrer Vernichtung, wiederentdeckt wurde.

Im Dezember 2016 beantragte die SPD-Fraktion der BVV Steglitz-Zehlendorf, gemeinsam mit der Fraktion der FDP, der Grünen und der Linken die Errichtung einer Gedenkstele an einem allen Bürgerinnen und Bürgern zugänglichen Ort. Die BVV stimmte diesem Antrag einstimmig zu. Nach über zwei Jahren und trotz massiver Verzögerungen, die als „Büroversehen“ entschuldigt wurden, seitens des zuständigen Bezirksstadtrates Frank Mückisch (CDU) und die von der Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) wissend geduldet wurden, kommt es nun endlich zur Errichtung dieser Stele.

Damit wird einer Verfolgtengruppe gedacht, die auch nach 1945 erheblich unter Vorurteilen und Diskriminierungen zu leiden hatte, bevor Bundeskanzler Helmut Schmidt 1982 ihnen den angemessenen Respekt zollte.

Es bedarf weiterhin großer Aufmerksamkeit, um der Missachtung von Minderheiten rechtzeitig zu wehren.

Sinti-Stele

Mit Richard Röhrbein ist ein besonders aktives Mitglied unserer Abteilung von uns gegangen.

Sein Wirken für unseren Zehlendorfer Stadtbereich, insbesondere für die Erhaltung der Eigenart der Waldsiedlung Onkel Toms Hütte und der Gestaltung der Ladenstraße im U-Bahnhof hat Matthias Boye in seinem Nachruf für den Verein Papageiensiedlung ausführlich gewürdigt.

Ich beziehe mich vor allem auf seine vorangehende Tätigkeit als Stadtplaner im Dienst der Stadt Potsdam in den neunziger Jahren.

Über Richards beruflichen Werdegang vor seiner Potsdamer Zeit kann ich nicht viel sagen. Ich weiß nur, dass er zuerst in Lübeck im Bereich der Stadtplanung tätig war. In Berlin wurde er dann Leiter des Stadtplanungsamts im Bezirksamt Wilmersdorf und danach Referatsleiter in der Senatsbauverwaltung.

Richards fruchtbarstes Wirken fällt dann nach meiner Einschätzung auf jeden Fall in die mehr als zehn Jahre umfassende Zeit als Leiter der Potsdamer Stadtplanung bis zu seiner Pensionierung. Dabei galt für ihn das Motto „erst die Pläne, dann die Kräne“, was bedeutete, kurzfristige Interessen der Investoren und auch mancher Politiker zu in dem sich abzeichnenden Bauboom zu zügeln.

Wenn sich die Stadt Potsdam nach der Wende wie fast keine andere in Ostdeutschland in jeder Hinsicht positiv entwickelt hat, dann ist das auch Richards Verdienst. Er hat seine Spuren bei der Verwirklichung der in der Summe mehrere Milliarden umfassenden großen Bauinvestitionen hinterlassen, die sich heute als gelungene, sozial und ökologisch ausgewogene Stadtplanung mit guter Architektur sehen lassen können.

Dabei kamen ihm seine außergewöhnlichen Kenntnisse der stadträumlichen und stadthistorischen Besonderheiten der jeweils zu entwickelnde Potsdamer Stadtbereiche zugute. Die besondere Qualität der Potsdamer Stadtplanung und Architektur wurde insbesondere dadurch erreicht, dass Richard regelmäßig die Vergabe von Stadtplanungs- und Architektenaufträge aufgrund von Ausschreibungen veranlasste. Aufgrund seiner fachlichen Beziehungen konnte er dabei die besten Architekten und Stadtplaner nach Potsdam holen. Es war Richard, der die komplizierten Gespräche mit Investoren, der Treuhand, der Landesregierung, der Bundesvermögensverwaltung usw. stets fachlich so vorbereitete, dass die Stadtseite immer die besseren Argumente hatte. Als ein typisches Beispiel mag diese Eintragung vom März 1992 in meinem Buch „Nachwendezeit- ein Potsdamer Tagebuch 1991-1994“ zur Entwicklung des brachgefallenen Babelsberger DEFA-Geländes dienen:

„Den ganzen Tag Klausurtagung bei der DEFA. Vorstellung der Ergebnisse der Recherchen des von uns (auf Richards Vorschlag) beauftragten Planungsbüros… Die Veranstaltung beweist, dass wir mit unserer – d. h. Röhrbeins – Idee völlig richtig liegen. Es bestehen bei den Vertretern der Treuhand und des Kultusministeriums, die seit mehr als einem Jahr über das DEFA-Gelände verhandeln, nur vage Vorstellungen über die zukünftige bauliche Nutzbarkeit des Grundstücks, über den Begriff des Medienstandortes sowie über den Bedarf von Rundfunk und Film. Am Schluss wird uns nachdrücklich gedankt, dass nunmehr konkrete Anhaltspunkte erarbeitet worden sind, die bei den Verkaufsverhandlungen der Treuhand in den nächsten Tagen von Gewicht sein werden.“

Auf dieser Grundlage ist dann der Medienstandort für Film und Fernsehen, für den RBB, für die Filmakademie und für das beim allgemeinen Publikum so beliebte aktive Filmmuseum entwickelt worden.

Ich selbst habe die interessanteste Zeit meines Lebens besonders Richard zu verdanken. Nachdem er kurz nach der Wende in Potsdam als Amtsleiter begonnen hatte, wurde die der SPD zustehende Stadtratsstelle für Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung frei. Seiner Anregung folgend konnte ich mich erfolgreich bewerben. Das führte zu einer langjährigen fruchtbaren Zusammenarbeit. Diese verlief natürlich nicht immer ohne Konflikte. Wer ihn näher kannte weiß, dass Richard mit Leib und Seele Stadtplaner und Architekt war. Die damaligen bürokratischen Aufgaben beim Aufbau einer Bauverwaltung nach westlichem Muster waren nicht immer sein Ding.

Peter v. Feldmann